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Landrat zeichnet 18 Frauen und Männer für ihr couragiertes Eingreifen aus

Die Helden des Alltags

Paderborn (WB). „Ich rette jeden Spatz von der Straße.“ Elke Koch kann nicht wegschauen, wenn andere Hilfe brauchen. Egal ob Mensch oder Tier. Am 12. September 2019 rettete sie mit ihrem Freund Tobias Firley dem betagten Nachbarn das Leben. Und dafür wurde sie, wie mehrere andere couragierte Menschen aus dem Kreis Paderborn auch, von Landrat Manfred Müller am Montagabend geehrt.

Dietmar Kemper

Bei dem Brand am 12. September 2019 in Bad Lippspringe retteten Elke Koch und Tobias Firley einen älteren Mann. Foto: Per Lütje

Der 12. September war ein Donnerstag, den Elke Koch und Tobias Firley nicht vergessen werden. Die 53-Jährige rauchte am Abend auf dem Balkon ihres Hauses in Bad Lippspringe und hörte ein Geräusch. „Es war die vernetzte Rauchmeldeanlage, aber damals konnte ich das Geräusch nicht zuordnen“, erzählte sie am Montag. Der Nachbar war allein zuhause, Elke Koch hatte für alle Fälle einen Schlüssel zur Wohnung. Und einer der Fälle trat tatsächlich ein. „Ich gehe noch mal kurz gucken“, sagte Elke Koch zu ihrem Freund und steuerte auf das Einfamilienhaus der Nachbarn zu. Als sie die Tür öffnete, stand sie im Qualm. Anstatt jetzt zurückzuweichen, ging sie rein und suchte den älteren Mann. „Ich habe nicht nachgedacht, bin einfach reingerannt“, blickte sie auf die dramatischen Stunden zurück.

Hose und Elektroscooter des Seniors stehen in Flammen

Ihren mehr als 80 Jahre alten Nachbarn entdeckte sie an der Terrassentür; er versuchte, sich mit einer Gießkanne selbst zu löschen. „Seine Hose und der Scooter haben gebrannt“, weiß Elke Koch noch, und Tobias Firley hat bis heute nicht vergessen, dass „die Fenster knackten und kurz danach geplatzt sind“. Auch die Couch und der Läufer hätten gebrannt. Elke Koch hatte ihren Freund zur Hilfe gerufen, und beide schafften es, den alten Mann aus dem Scooter zu heben, ihn auf den Rasen zu legen und ihm die Hose auszuziehen. Dazu war enormer Kraft vonnöten, denn der Senior klammerte sich in Panik an den Griffen des Scooters fest. Währenddessen versuchten andere Nachbarn, den Brand mit einem Feuerlöscher zu bekämpfen. Der ältere Mann überlebte, und Elke Koch hatte noch viele Tage den Brandgeruch in der Nase.

Alexander Ditz, Ralf Hannak, Franz-Josef Zechner, Uwe Freitag, Ninos Touma und Tobias Lenkeit schritten segensreich ein, als Auto-, Motorrad- und Radfahrer in Not gerieten. Sie verhinderten weitere Unfälle oder leisteten Erste Hilfe. Eine Urkunde und ein Geschenk werden sie immer an die dramatischen Stunden erinnern. Foto: Oliver Schwabe

In der Kategorie Brände der Kampagne „Zeig Mut: Schau hin und tu was“ der Polizei und des „Präventionsrats gegen Gewalt“ des Kreises Paderborn wurden die beiden von Landrat Manfred Müller mit einer Urkunde und einer Lampe als Geschenk ausgezeichnet. Was die beiden und die übrigen „Heldinnen und Helden des Alltags“ getan hätten, sei „nicht gewöhnlich, sondern außergewöhnlich und hervorzuheben“, betonte Müller. In der Theorie lasse sich die Frage „Würde ich helfen und mich in Gefahr bringen?“ leicht mit Ja beantworten, in der konkreten Situation sei das dann nicht mehr so sicher. „Sie waren mutig, haben vielleicht auch innere Grenzen überwunden, getan, was notwendig war“, würdigte der Landrat die Akte der Menschlichkeit.

Verbrennungen an der Hand erlitt Mario Vantaggiato bei seinem couragierten Einsatz, als er am 15. Januar 2019 ein brennendes Fahrzeug auf dem Parkplatz Florianstraße in Paderborn stoppte. Es war außer Kontrolle geraten und drohte andere Autos mit anzustecken. Im zweiten Versuch gelang es Vantaggiato, einen Feuerlöscher unter einen der Reifen des brennenden Autos zu klemmen und es so anzuhalten.

Nicole Koch, Elisabeth Bohr, Berivan Basaran, Abdulrahim Mssawar, Denis Hubert, Diar Abdo und Hendrik Gaub (von links) verhinderten Missbrauchs- und Betrugsversuche, unterbanden Gewalt oder halfen Rettungskräften. Für Landrat Manfred Müller (rechts) sind sie wahre Vorbilder. Foto: Oliver Schwabe

Tobias Lenkeit wiederum rettete einem Motorradfahrer das Leben. „Der ist so an mir vorbeigeschossen, der kann die Kurve nicht gekriegt haben“, dachte er am 22. Juli 2019 auf der L 751 in der Nähe von Bad Wünnenberg. Er entdeckte den Motorradfahrer, der 15 Meter die Böschung hinuntergestürzt war, und leistete Erste Hilfe, bis der Rettungsdienst eintraf. Ninos Touma verhinderte Schlimmeres, als er als Beifahrer am 16. Dezember 2019 auf der Dubelohstraße in Paderborn ins Lenkrad griff. Der Fahrer habe einen epileptischen Anfall gehabt, erzählte er. Ninos Touma lenkte mit aller Kraft das Fahrzeug auf ein Feld. Als das Auto durch ein Gebüsch rumpelte, „hörte es sich so an, als ob es hagelt“.

Ralf Hannak und Alexander Ditz leisteten am 11. März 2020 in Borchen vorbildlich Erste Hilfe. Nach einem Kreislaufstillstand war ein Radfahrer gestürzt. „Wir haben 15 Minuten reanimiert, nach 20 Minuten bekam der Mann spontan Kreislauf.“ Auch Jean Rogner, Franz-Josef Zechner und Uwe Freitag leisteten am 17. August 2020 auf der Almebrücke in Schloß Neuhaus Erste Hilfe bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. Dort war eine Radfahrerin mit dem Kopf gegen ein Brückengeländer geprallt.

Mario Vantaggiato hielt ein brennendes Fahrzeug auf. Foto: Oliver Schwabe

„Sie haben nicht gegafft, Sie haben Erste Hilfe geleistet“, lobte der Verkehrssicherheitsberater der Polizei, Andreas Drost. Die Unart des Gaffens nehme seit Jahren zu, und der Supergau bestehe darin, dass Videos live vom Unfallort in sozialen Netzwerken verbreitet werden und auch die Angehörigen der Verkehrsopfer sie sehen, bevor sie überhaupt wissen, was passiert ist. Drost warb vehement dafür, Erste Hilfe zu leisten und den Verunglückten zum Beispiel durch eine Umarmung zu signalisieren, dass sie nicht allein sind: „Erste Hilfe ist nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens.“ Das fachliche Wissen sollte in Kursen aufgefrischt werden.

Duo hält Sexualtäter auf und Mann schreitet bei Missbrauch ein

Mut bewiesen Dalil Alptekin und Hendrik Gaub am 3. Juni 2020 in Salzkotten. Sie vereitelten einen Enkeltrick und standen einer alten Frau bei. Alptekin wurde misstrauisch, als die Dame vor einer Bank Geld an einen Mann übergab, und verfolgte diesen anschließend. Er konnte ihn sogar stellen und so lange festhalten, bis die Polizei kam. Unterdessen kümmerte sich Hendrik Gaub um das Opfer. Auf eindrucksvolle Weise bewiesen Diar Abdo und Abuldrahim Mssawar Courage. Als eine Frau schrie, schritten sie am 30. April 2020 in der Paderborner Innenstadt bei einem Sexualdelikt ein, verfolgten den Täter und hielten ihn auf, so dass die Polizei ihn sich schnappen konnte. Denis Hubert wiederum wurde am 8. Februar 2019 in der Schwimmoper hellhörig, als in der Nachbarkabine ein Mädchen etwas sagte, das auf einen Fall von sexuellem Missbrauch hindeutete. Er informierte eine Mitarbeiterin des Bades, ließ den Tatverdächtigen nicht aus den Augen und hielt ihn schließlich auf, bis die Polizei eintraf.

Nicole Koch und Elisabeth Bohr schauten am 21. Juni 2019 in Borchen nicht weg, als ein Mann eine Frau im Auto anging und bedrohte. Sie hielten an, gingen auf das Fahrzeug zu, woraufhin der Mann flüchtete. Berivan Basaran schließlich rettete zwar niemanden aus einem brennenden Haus oder Auto, leistete aber trotzdem Großartiges. Am 12. Oktober 2019 fuhr sie zufällig an einem Unfall auf der B 64 vorbei, hielt an und stellte sich stundenlang am Unfallort und im Krankenhaus als Dolmetscherin für Unfallopfer und Ärzte zur Verfügung. Ihr Kurdisch heilte keine Wunden, erleichterte aber die Unfallaufnahme und Behandlung erheblich.

Zum siebten Mal wurden Frauen und Männer am Montagabend mit dem Courage-Preis geehrt. Manfred Müller ist Vorsitzender des Präventionsrates gegen Gewalt des Kreises Paderborn. Deshalb liegt ihm die Aktion so sehr am Herzen und deshalb wollte er die Veranstaltung Corona zum Trotz stattfinden lassen. Die Gesellschaft brauche Menschen, die sich für andere einsetzten, sagte er. „Das ist Charaktersache“, glaubt Elke Koch. Für sie sind auch ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, die nicht im Rampenlicht stehen, Helden des Alltags.

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