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2022 bereits 22 Suizide: Nach sozialer Isolation dominieren nun existenzielle Nöte

Die Paderborner stehen unter Dauerbelastung

Paderborn

Inflation, explodierende Energiepreise, Ukraine-Krieg, Corona: Führen außerordentlich schwere Zeiten zu mehr Suiziden in Paderborn? Bislang nicht, sagen Expertinnen und Experten. Allerdings habe sich die Belastung der Menschen verschärft, an die Stelle von sozialer Isolation in der Corona-Pandemie seien existenzielle Nöte getreten. 

Von Dietmar Kemper

Manchmal beendet ein Mensch sein Leben  absichtlich auf Bahngleisen.  Bis es soweit ist, geht ein quälender Prozess voraus, an dessen Ende ein verhängnisvoller Tunnelblick steht.   Foto: Oliver Schwabe

Im Jahr 2020 nahmen sich 9206 Menschen in Deutschland das Leben, im Vergleich zu 1981, als 18.825 Suizide registriert wurden, ist das weniger als die Hälfte. Im Kreis  Paderborn steigt die Zahl:  Hier verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr 21 Suizide und in diesem Jahr bereits 22.

In den vergangenen Tagen ereigneten sich in Paderborn gleich mehrere Fälle, zumeist in der Nähe von Bahngleisen. Geht  die Zahl der Suizide wegen Corona, teurer Lebensmittel und Energie also möglicherweise wieder nach oben?

Existenzielle Nöte

„Während Corona hat sich nichts verändert, das lässt sich anhand der Zahlen bis Ende 2021 zeigen“, sagt der stellvertretende ärztliche Leiter der LWL-Klinik Paderborn für Psychiatrie und Psychotherapie, Tilmann Magerkurth. Allerdings hätten sich die Umgebungsbedingungen inzwischen verschärft. „Mit der Pandemie haben wir leben gelernt, in ihr ging es in erster Linie um soziale Isolation, jetzt geht es um existenzielle Ängste wie die, ob jemand seine Familie noch ernähren kann“, erläutert der Experte. Deshalb könne ein Anstieg von Verzweiflung und Depressionen durchaus zu mehr Suiziden führen: „Wir sehen mehr Menschen, die in ihrem Alltag verzweifeln, und rechnen damit, dass es sich noch zuspitzen wird.“

Bis zu 10.000 Anrufe im Jahr

Die Ängste verzweifelter Menschen bekommt die Telefonseelsorge direkt ins Ohr. „Man kann nicht sagen, dass die Suizidneigung trotz der schwierigen Zeiten zugenommen hat“, sagt Monika Krieg. Die katholische Diplomtheologin leitet zusammen mit der evangelischen Pfarrerin Dorothea Wahle-Beer die ökumenische Telefonseelsorge für die Kreise Paderborn und Höxter sowie für den Altkreis Lippstadt.  Die 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreichen pro Jahr zwischen 9000 und 10.000 anonyme Anrufe. Diejenigen Fälle herausgerechnet,  in denen wieder aufgelegt oder nur aus Spaß angerufen wurde, kam es im vergangenen Jahr zu 7348 seelsorgerischen Gesprächen.

In etwa 10 Prozent der Telefonate spielten Suizidgedanken eine Rolle, sagte Monika Krieg am Dienstag. Bei E-Mails sei der Anteil mit 41 Prozent deutlich höher, und dies gelte auch für den Bereich der Chats. „Schwere, existenzielle Themen sind im Onlinebereich stärker vertreten“, betont sie.  Wer sich mit dem Gedanken trage, sich zu töten, habe in erster Linie mit sich selbst und weniger mit gesellschaftlichen Krisen zu kämpfen. Als Beispiele nennt Monika Krieg  Probleme in der Familie oder mit dem Partner, eine Erkrankung, Einsamkeit  oder Kontaktschwierigkeiten: „Die globalen Themen treten dabei eher in den Hintergrund, deswegen rufen bei uns nicht mehr Leute an.“

Verhängnisvoller Tunnelblick

Solche Menschen machten meist schon im Vorfeld Andeutungen und hätten am Ende des suizidalen Prozesses  nur noch einen Tunnelblick und fühlten sich von anderen nicht verstanden. Wenn jemand den Entschluss treffe, seien letztlich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge machtlos. „Das ist manchmal bitter“, räumt Monika Krieg offen ein.

Die ökumenische Telefonseelsorge ist anonym. Die Mitarbeiter sehen keine Telefonnummer im Display, können den Anruf nicht zurückverfolgen. Im Gespräch mit den Verzweifelten dürfe nicht moralisch gewertet werden, und auch Motivationsversuche wie „Das Leben ist doch schön“ gelte es zu unterlassen, erläutert Monika Krieg. Ansonsten fühlten sich die Menschen nicht ernst genommen und würden denken, „die reden ja wie meine Mutter“. Stattdessen gehe es darum, den Menschen Wertschätzung zu vermitteln, sie aufzufordern, mehr zu erzählen und sie auch zu fragen, ob es Zeiten gegeben habe, in denen es ihnen besser gegangen sei.

Auch auf Hilfsangebote weisen die geschulten Zuhörer hin. Mangel an Arbeit werden sie in den kommenden Wochen nicht haben. „Die Adventszeit ist eine belastende Zeit, da kommen Themen wie zum Beispiel Einsamkeit hoch“, weiß Monika Krieg.

Der Sozialpsychiatrische Dienst des Kreisgesundheitsamtes stellte fest, dass sich Psychischkranke mit Depressionen, Psychosen oder Süchten in der Zeit der Pandemie verstärkt an ihn wandten. Nicht zuletzt deshalb, weil Beratungsstellen nicht geöffnet hatten. „Die Wirtschaftskrise und den Ukraine-Krieg merken wir aktuell im Sozialpsychiatrischen Dienst weniger“, so die Leiterin des Kreisgesundheitsamtes, Constanze Kuhnert, am Dienstag.

Ein Bündel an Faktoren

Gesellschaftliche Krisen seien nicht der Auslöser für eine Selbsttötung, dahinter stecke oft ein Bündel an Faktoren, eine Mischung aus zwischenmenschlichen und individuellen sowie psychischen Erkrankungen, sagt der Paderborner Autor Reinhard Fukerider. Er hat sich intensiv mit Themen wie Burnout befasst  und arbeitet im Regionalbüro Alter, Pflege und Demenz in Bielefeld. Was  Suizide im Alter angehe, stiegen die Zahlen an. Ein Auslöser könne Einsamkeit sein. Fukerider: „Menschen, die sehr stark vereinsamen, können auf solche Gedanken kommen.“

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