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Die Situation in Paderborn: Lernstatt überlastet, Stunden fallen aus, Erklärungen zu den Aufgaben fehlen

Die Tücken des Distanzunterrichts

Paderborn

Wie gut funktioniert der Distanzunterricht an den Schulen in Paderborn? Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT hat sich bei Schülern, Eltern und Lehrern umgehört.

Dietmar Kemper

Englischlehrerin Johanna Bethke unterrichtet in der Friedrich-Spee-Gesamtschule vor leeren Stühlen. Ihre Schüler „trifft“ sie im virtuellen Klassenraum. Foto: Jörn Hannemann

Demnach würden die Befragten nur die Schulnote „befriedigend“ geben. Gut läuft es zum Beispiel an der Frie­drich-Spee-Gesamtschule, gravierende Probleme gibt es weiter an den Berufskollegs, wie diese Zeitung bereits am Montag ausführlich berichtet hatte. Aber auch Gymnasien wie das Reismann kämpfen mit Tücken.

Keine echte Alternative

Eine angehende Abiturientin wünscht sich die alten Zeiten zurück. „Ich finde Präsenzunterricht viel sinnvoller, weil die Lehrer dann direkt die Fragezeichen in den Gesichtern der Schüler sehen“, sagt sie. Namentlich genannt werden möchte die Jugendliche nicht, weil sie sonst schlechtere Noten befürchtet. Die Schülerin hat einen guten Überblick über die aktuelle Qualität des Distanzunterrichts, weil sie das Reismann-Gymnasium besucht und gleichzeitig einen Leistungskurs am Theodorianum. Mit dem Onlineunterricht am „Theo“, wo das Kommunikations- und Arbeitswerkzeug MS Teams von Microsoft eingesetzt wird, ist sie zufrieden: „Der Unterricht läuft normal ab, man kann sich melden und wird drangenommen. Wir können im selben System Aufgaben hochladen und wieder abgeben, wir können Kleingruppen bilden, und das System ist auch nicht wirklich über­lastet.“

Hart ins Gericht geht die Schülerin dagegen mit den Bedingungen am Reismann-Gymnasium. Hier vertraue man auf das Webkonferenzsystem BigBlueButton und die Paderborner Lernstatt. Die Schülerin beklagt: „Bei BigBlueButton kann man sich nicht melden, man muss reinrufen, und wenn mehrere gleichzeitig reden, stockt es total. Normaler Unterricht ist da kaum möglich.“ Die Schüler hätten nur Ton, kein Bild.

Sorge ums Abitur

Die Lernstatt der Stadt Paderborn sei oft „total überlastet“, erzählt die Schülerin, zuletzt sei das an zweieinhalb von fünf Tagen der Fall gewesen. „Man kommt dann nicht an seine Mails und die Aufgaben der Lehrer heran“, schildert sie die Folgen und sorgt sich, ob sie gut vorbereitet in die Abiturprüfungen Ende April und Anfang Mai gehen kann. Mit der Lernstatt hat die Stadt die 37 Schulen vernetzt und bietet ihnen nach eigenen Worten eine „durchgängige, alltagstaugliche, nachhaltige und wartungsarme IT-Infrastruktur“.

Durch Distanzunterricht sei nicht gewährleistet, dass „die Lehrer uns auf die Aufgaben so vorbereiten, dass wir sie selbstständig lösen können“, sagt die angehende Abiturientin. Es fehle das Erklären. Einige Lehrer ließen die Schülerinnen und Schüler „komplett im Dunkeln stehen“.

Kaum noch Aufgaben

Genervt ist auch eine Schülerin, die ihr Abitur am Edith-Stein-Berufskolleg macht. Das Schulnetzwerk stürze ständig ab, eine Unterrichtsstunde sei manchmal schon nach 20 Minuten vorbei. Immer wieder würden Teilnehmer aus den Videokonferenzen durch die Technik herausgeworfen. Die 18-Jährige, die ebenfalls nicht namentlich genannt werden möchte, bekommt demnach auch kaum Aufgaben. Einige Lehrer hätten daran auch selbst gar kein Interesse.

In der Notbetreuung der Friedrich-Spee-Schule sind neben Leonard (12) und Mailie (11) bis zu vier weitere Kinder, die unter anderem von Sozialpädagogin Ute Welle-Forth betreut werden. Foto: Jörn Hannemann

Sehr genau beobachten auch Eltern, wie der Distanzunterricht abläuft. Martin Kloppenburg, dessen Tochter in diesem Jahr das Abitur am Helene-Weber-Berufskolleg ablegen will, hat beobachtet, dass es nur ansatzweise Unterricht online gebe, „aber nicht in dem Maße, wie es zum Beispiel bei meinem Sohn während des Studiums stattfindet“. Martin Kloppenburg beklagt „Stundenausfälle von bis zu 25 Prozent und mehr“. Im besten Fall sollte man davon ausgehen, dass jedes Fach online unterrichtet werde, weil das Lehrpersonal ja zur Verfügung stehe. Kloppenburg: „Aber dies ist leider nicht der Fall, sodass nur die Hauptfächer unterrichtet werden. Dies ist qualitativ aber auch sehr unterschiedlich.“ Teilweise erhielten die Schülerinnen und Schüler nur Wochenaufgaben. Seine Tochter fühle sich bei der Abiturprüfung allein gelassen. Das Recht auf Bildung werde mit Füßen getreten.

Ärzte und Lehrer

Kloppenburg rät Schulen und Lehrern, sich ein Beispiel am Gesundheitswesen zu nehmen: „Da wurden in kürzester Zeit Beatmungsgeräte und Intensivstationen organisiert, auch das Personal trägt in den Diensten teilweise bis zu zwölf Stunden lang Masken. Ein Stöhnen ist da kaum zu hören, und krankheitsbedingte Ausfälle sind da auch nicht zu verzeichnen.“ Dem Schulsystem und deren Mitarbeitern gehe es, vermutet Martin Kloppenburg, „kaum um Beziehung zu den Schülern und um die Entwicklung von Persönlichkeiten“, sondern hauptsächlich um Wissensvermittlung.

An der Friedrich-Spee-Gesamtschule stehen pro Woche 14 etwa 30-minütige Unterrichtseinheiten auf dem digitalen Stundenplan. Die Schülerinnen und Schüler treffen sich mit den jeweiligen Lehrkräften über die Videotelefonie-Software Zoom im virtuellen Klassenraum. Auf Zoom fiel die Entscheidung aller datenschutzrechtlichen Bedenken zum Trotz: „Wir müssen uns in einer Notlage behelfen und das nehmen, womit wir die Schüler erreichen können“, sagt Schulleiter Lothar Schlegel. Die ersten Konferenzen seien gut gelaufen: „Es gibt kaum Fehlermeldungen.“ Schlegel sieht dafür zwei Gründe: Zum einen haben die Jahrgänge 6 und 9 im Herbst Homeschooling-Probetage absolviert.

Abläufe optimiert

So konnten die Abläufe bewertet und optimiert werden. Zum anderen ist das Kollegium der Gesamtschule nicht gleich am ersten Tag nach den Weihnachtsferien digital durchgestartet. Montag und Dienstag nutzten die Lehrkräfte dazu, Stundenpläne auszuarbeiten, in denen auch Nebenfächer zur Geltung kommen, und technisch weniger versierten Kollegen zu helfen.

Die ersten Unterrichtseinheiten auf Distanz dienen eher der Klärung organisatorischer Fragen denn der Vermittlung von Wissen. Das bereitet der Neuntklässlerin Nell Sorgen: „Leider haben wir bisher fast nur Aufgaben bekommen und keinen Online-Unterricht gemacht. Das macht mir ein bisschen Angst, dass ich dadurch zu viel Lernstoff verpasse.“ Mitschüler Jonathan hadert mit den Tücken der Technik: „Dafür geht einfach zu viel Zeit drauf.“ Er meint damit die digitale Pinnwand Padlet, über die Aufgaben und Arbeitsergebnisse ausgetauscht werden. Dabei hakt es nach Auskunft einiger Schüler zeitweise aber.

Über Padlet erhalten die Schüler auch als Vorbereitung auf die Videokonferenz oder im Nachgang Unterrichtsmaterial und Aufgaben. „So kann jeder in seinem Tempo arbeiten und ich kann ein Feedback geben, indem ich zum Beispiel ein korrigiertes Dokument zurückschicke“, sagt Anne Schmidt, Klassenlehrerin der 9f. Sie verstehe die Konferenz als Möglichkeit, einen Input zu geben und den Kontakt zu den Schülern zu pflegen. „Das kann eine Präsenzstunde niemals ersetzen. Aber so verlieren wir uns während des Lockdowns nicht ganz aus den Augen.“

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