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Was Bestatter in der Corona-Pandemie alles beachten müssen – Erfahrungen eines Paderborner Traditionsunternehmens

Die Überführung dauert jetzt doppelt so lange

Paderborn

Ein Absperrband vor dem Sarg in der Trauerhalle: Der Mindestabstand von 1,50 Meter gilt auch in privatesten Momenten. Das Coronavirus hat dafür gesorgt, dass die Mitarbeiter des Bestattungshauses Voss in Paderborn jetzt doppelt so lange für die Überführung eines Verstorbenen brauchen und viele Angehörige nicht wissen, was bei einer Beerdigung noch erlaubt ist. Und nebenbei hat die Pandemie dem traditionsreichen Haus auch die Feier zum 125. Geburtstag verdorben...

Dietmar Kemper

Peter Voss steht am Eingang der Trauerhalle des Bestattungshauses in der Kisau. Foto: Jörn Hannemann

Das 1895 gegründete Familienunternehmen, das inzwischen in fünfter Generation weitergeführt wird, hat schon stürmische, außergewöhnliche Zeiten erlebt, aber Vergleichbares wie Corona habe es noch nicht gegeben, sagt Geschäftsführer Peter Voss. Ein drängendes Problem in der Anfangsphase im März sei inzwischen glücklicherweise behoben: die Ausstattung mit Schutzkleidung, Desinfektionsmitteln und Bergungshüllen. „Der Markt war sehr knapp, die Preise stiegen stark an“, erinnert sich der 51-Jährige. Die teilweise jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Lieferanten habe die Versorgung mit den nötigen Hilfsmitteln erleichtert, zudem hätten sich die Bestatter in Paderborn gegenseitig geholfen.

Wie läuft die Überführung eines Menschen, der an oder im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben ist, jetzt ab?

Sebastian Voss, der auch für den Einkauf von Desinfektionsmitteln zuständig ist, erläutert: „Wir gehen in Vollschutzkleidung in das Altenheim, mit Hygienehandschuhen, Überziehschuhen, Kopfschutz und FFP2-Maske.“ Die Verstorbenen müssten in Bergungshüllen gelegt und in mit Desinfektionsmitteln getränkte Tücher gewickelt werden. Direkt im Zimmer werde der Sarg geschlossen und dann aus der Einrichtung gebracht. Nach Verlassen des Heimes oder Krankenhauses müsse die Oberfläche des Sarges desinfiziert werden. Im Kühlraum des Bestattungshauses werde der als Corona-Patient gekennzeichnete Verstorbene dann aufbewahrt, beschreibt Sebastian Voss den weiteren Ablauf. Die Überführung dauere jetzt etwa doppelt so lange wie früher.

In der ersten Lockdownphase war ein Abschied am offenen Sarg nicht möglich, inzwischen geht das wieder, aber nur nach Terminabsprache. Übrigens dürfen in Verbindung mit Covid-19 gestorbene Menschen nur mit Leichenwagen abtransportiert werden. Der Sargraum sei mit Metall ausgeschlagen, was die Desinfektion einfacher mache, erklärt Sebastian Voss. Der 26-Jährige hat für einen Vorrat an Schutzanzügen und Bergungshüllen gesorgt – im Lager warten jeweils 50 auf ihren Einsatz.

Peter und Sebastian Voss haben in den vergangenen Monaten einen erhöhten Beratungsbedarf bei den Angehörigen von Verstorbenen festgestellt. Sie fragen sich zum Beispiel, wie viele Menschen überhaupt in die Friedhofskapelle hineindürfen. „In der ersten Phase musste die Feier vor der Friedhofskapelle stattfinden“, berichtet Peter Voss. Dahin möchte er auf keinen Fall zurück. Im Winter wären solche Feiern wegen des Wetters eine zusätzliche Belastung, sagt er.

Die zahlreichen Vorschriften zum Schutz vor Corona verwirren Angehörige nicht nur, sie stören auch empfindlich den Trauerprozess. Für enge Verwandte, aber auch für Freunde und Bekannte, die zur Beerdigung nicht anreisen konnten, nehmen die Mitarbeiter von Voss Trauerfeiern auch per Video auf. Die können dann auf der Online-Gedenkseite des Verstorbenen abgerufen werden. Oder die Trauerfeiern werden als DVD an die Hinterbliebenen weitergereicht.

Desinfektionsmittel, Bergungshüllen und mehr: Sebastian Voss zeigt das Material, das Bestatter im Corona-Zeitalter verwenden müssen. Foto: Jörn Hannemann

Das Coronavirus ist für Bestatter aber nicht nur bei der Arbeit eine Herausforderung. „Die Gefahr, dass wir uns anstecken, ist schon da“, räumt Peter Voss als Vorsitzender der Bestatter in den Kreisen Paderborn und Höxter ein. Er wünscht sich, dass der Beruf als systemrelevant eingestuft wird. „In Bayern ist das schon der Fall“, weiß Sebastian Voss. Die Dachorganisation der Bestatter führt derzeit entsprechende Gespräche mit dem Bundesgesundheitsministerium. Stimmt das Ministerium zu, könnten die Mitarbeiter der Beerdigungsunternehmen vorrangig geimpft werden und bekämen einen schnelleren Zugriff auf Schutzmaterial.

Ein neunköpfiges Team kümmert sich bei Voss um die würdevolle Bestattung von Menschen. 550 sind das durchschnittlich im Jahr. Dass Corona für eine sogenannte Übersterblichkeit, also für eine deutliche Zunahme von Todesfällen, sorgt, ist wahrscheinlich. Dem Einwohner- und Standesamt der Stadt Paderborn wurden im vergangenen Jahr 1874 Todesfälle gemeldet. Das waren knapp 100 mehr als 2019. Allerdings muss die Steigerung nicht zwingend coronabdingt, sondern kann auch ein statistischer Zufall sein.

Abschreckende, würdelose Bilder wie die in Italien vom massenhaften Abtransport in Militärlastern habe es in Paderborn nicht gegeben, weiß Peter Voss. Sein Neffe Sebastian bittet die Angehörigen der Verstorbenen angesichts der zahlreichen Sicherheitsvorschriften um Verständnis: „Der Trauerprozess wird dadurch angehalten, aber hier sind uns die Hände gebunden.“

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