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2000 Jahre alte Amphorenscherben gefunden

Paderborn: Nachschublager aus der Römerzeit entdeckt?

Paderborn

Am 16. September machten Archäologen in Paderborn eine überraschende Entdeckung. Unter einem ehemaligen Lazarett aus dem 19. Jahrhundert an der Neuhäuser Straße stießen sie auf Scherben römischer Amphoren.

Bettina Tremmel zeigt Füße und Henkel der Amphoren. Einen Einblick in die Funde verschafften sich am Donnerstag Georg Eggenstein (Archäologe), Sveva Gai (Archäologin), Robert Süße (Grabungsleiter), Martin Wolf (St. Johannisstift) und Martin Brockmeyer (Architekt für die Erweiterung der Pflegeschule).  Foto: Oliver Schwabe

„Bis dahin gab es für den Raum Paderborn genau null Amphorenscherben aus der augusteischen Zeit“, hob Grabungsleiter Robert Süße am Donnerstag die Bedeutung des Fundes hervor.

Mit der augusteischen Zeit ist die Ära von Kaiser Augustus gemeint, der von 63 vor Christus bis 14 nach Christus lebte. Bislang war bekannt, dass Wein in den Römerlagern Haltern am See, Bergkamen-Oberaden und Anreppen getrunken wurde. Für das heutige Paderborner Stadtgebiet gab es keine Belege.

Bettina Tremmel, beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Expertin für die Römer in der Region, vermutet, dass an der Fundstelle früher ein Nachschublager betrieben worden war: „Es spricht alles dafür, dass hier etwas zwischendeponiert wurde.“ Tremmel verwies darauf, dass Römerlager wie das im nahen Anreppen mit bis zu 10.000 Legionären mit Getreide, Olivenöl, Fischsoße und Wein versorgt werden mussten. Die jetzt in Paderborn erstmals entdeckten speziellen Transportamphoren aus Ton fassten demnach 25 Liter Wein, wogen bis zu 15 Kilogramm und waren 90 Zentimeter groß.

Der Wein darin war nicht für das Fußvolk, sondern für die höheren Militärränge bestimmt. Tremmel: „Der Wein wurde aus Spanien, Italien und von den griechischen Inseln importiert, die einfachen Legionäre erhielten ihren Wein dagegen in Fässern aus dem gallischen Raum. Der wurde verdünnt und bestand aus einem Teil Wein und fünf Teilen Wasser.“

Der Standort in Paderborn auf einer vier Meter hohen Geländekuppe, die durch die Pader und die Rimbeke begrenzt war, sei für ein Nachschublager oder einen Wachposten geradezu prädestiniert gewesen, sagte die Expertin.

Vier Amphorenfüße, ein Henkel und zwölf Scherben kamen bei den Grabungen zum Vorschein. Tremmel geht davon aus, dass sich in den Gefäßen erstklassiger Falerner aus Mittelitalien und der Ägais befand. „Vor mehr als 2000 Jahren wurde demnach nicht nur in den Römerlagern an der Lippe, sondern auch in Paderborn edler Wein getrunken“, folgerte die Referentin für provinzialrömische Archäologie. Allerdings hätten Einheimische den Wein sehr wahrscheinlich nicht konsumiert, weil Germanen das Getränk verschmähten.

Auf dem Gelände des 1860 errichteten preußischen Lazaretts, das 1945 von Bomben zerstört wurde und als Ruine bis in die 60er Jahre hinein fortbestand, ehe dort ein Parkplatz angelegt wurde, erweitert das Sankt Johannisstift jetzt seine Pflegeschule. 150 Meter weiter westlich waren Archäologen bereits 2017 auf Spuren einer frühmittelalterlichen Siedlung gestoßen. „Es ist ein archäologisch relevanter Bereich“, so Paderborns Stadtarchäologin Sveva Gai.

Bei den neuerlichen Grabungen tauchten zusammen mit den Amphorenscherben in etwa 1,60 Meter Tiefe Skelettreste eines Ebers auf. Unter anderem sind ein Eckzahn sowie Bein- und Hüftknochen erhalten. Auch diese Entdeckung passte zum Vorgehen römischer Soldaten, wie Tremmel erläuterte: „Wenn die Römer abzogen, steckten sie das Lager in Brand, planierten alles ein und warfen Abfall wie Keramikreste und Schweinekadaver in den Brunnen. Sie zerstörten alles, was noch hätte genutzt werden können.“ Jetzt tauchten die Scherben wieder auf.

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