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Corona und Europas Profifußball: Paderborner Student Rocco Funk hat dazu seine Bachelorarbeit geschrieben

Eigengewächse statt teure Transfers

Paderborn

Um die finanziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie aufzufangen, sollten Profivereine konsequent auf Jugendspieler und Leihrückkehrer setzen. „Sie sind das Kapital der Vereine“, betont Rocco Funk, der den SC Paderborn mit seinem Nachwuchsleistungszentrum gut aufgestellt sieht.

Dietmar Kemper

Rocco Funk hat für seine Studie über Topligen wie die Bundesliga beispielsweise Daten von transfermarkt.de ausgewertet. Foto: Dietmar Kemper

Als Musterbeispiel nennt Rocco Funk den Mittelfeldspieler Ron Schallenberg, den der SCP ausgebildet, nach Verl ausgeliehen und vor der Saison in die eigene Zweitliga-Mannschaft zurückgeholt hat. Der 23-jährige Rocco Funk studiert seit 2018 Sportökonomie an der Universität Paderborn. Er hat gerade seine Bachelorarbeit über die Folgen der Pandemie auf die Transferpolitik im vergangenen Sommer am Beispiel der Vereine der fünf wichtigsten europäischen Ligen vorgelegt. Dabei untersuchte er die Transferpolitik im Zeitraum 2017 bis 2020.

Der SCP hat Ron Schallenberg ausgebildet und in Verl Erfahrung sammeln lassen. Das zahlt sich jetzt aus. Foto: Wilfried Hiegemann

Demnach mussten die Teams der 1. Bundesliga, Premier League, der Serie A, der spanischen La Liga und der französischen Ligue 1 mit zwei Milliarden Euro weniger auskommen. Im Schnitt sanken die Transferausgaben im Vergleich zu 2019 um 22 Millionen Euro pro Verein, die Marktwerte der Spieler gingen in einer ähnlichen Größenordnung zurück. „Noch nie hat es einen so hohen Rückgang an Transferausgaben und -einnahmen gegeben“, schreibt Rocco Funk. Nur der englischen Premier League mit ihrer enormen Finanzstärke habe die Pandemie bislang nichts anhaben können.

Egal ob TV-Übertragungsrechte, Fanartikelverkauf oder Spieltagserlöse: Die Vereine leiden in allen Bereichen unter den sinkenden Einnahmen und hoffen, dass ihnen zumindest die Sponsoren und Mitglieder die Treue halten. Seit Corona ist es schwieriger geworden, für Spieler hohe Ablösesummen zu erzielen. „Die Gehälter sind konstant, aber die Einnahmen sinken“, bringt Rocco Funk das Problem auf den Punkt. Zum Teil hätten wichtige Spieler langfristige Verträge unterschrieben, und Ausnahmekönner wie Ronaldo treffe die Pandemie ohnehin nicht.

Rocco Funk stellte fest, dass die Vereine im vergangenen Sommer im Schnitt zwei Transfers weniger tätigten als sonst. Auf die Kosten von Leihgeschäften oder den Marktwert ablösefreier Spieler habe Covid-19 keinen Effekt gehabt. Dies gelte auch für den Zeitpunkt der Transfers, einen Sommerschlussverkauf habe es nicht gegeben.

Die Pandemie werde die Auflösung des Mittelstandes in den fünf Profi-Fußballligen beschleunigen, sagt Rocco Funk voraus: „Die Anzahl derjenigen Vereine, die weder als Ausbildungsverein noch als finanzstark einzustufen sind, wird weiter rapide abnehmen.“ Die Schere zwischen Clubs wie Bayern München und Arminia Bielefeld werde noch weiter auseinandergehen.

Fußballvereine müssten noch stärker als bisher wie ein Wirtschaftsbetrieb geführt werden, ohne dabei ihre Seele zu verlieren, mahnt Rocco Funk. RB Leipzig lobt er für die „perfekte Balance zwischen wirtschaftlicher Rationalität und fußballerischer Leidenschaft“. Trainer, Manager und Talentscouts sollten nicht nur schauen, welcher Spieler bei einem anderen Verein funktioniert, sondern sich überlegen, ob er das auch im eigenen Verein tun würde. Anstatt auf möglichst viel Geld zu achten, sollten junge Fußballer wiederum das Hauptaugenmerk darauf legen, wo sie sich am besten entwickeln können.

Rocco Funk, der später selbst im Management eines Fußballvereins arbeiten möchte, ist davon überzeugt, dass sich der Fußball so wie die Wirtschaft von der Pandemie erholen werde. Auch die Entfremdung der Zuschauer, die seit Corona nicht ins Stadion dürfen und weniger Fanartikel kaufen, werde sich wieder legen, glaubt er: „Entfremdung würde ich nicht am Merchandising festmachen. Entfremdung ist etwas Emotionales, nichts Finanzielles.“ Das Interesse am Fußball sei weiterhin da.

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