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Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller liest in Paderborn aus ihrem Werk „Der Beamte sagte“

„Ein Gedicht muss schaukeln“

Paderborn-Schloß Neuhaus

„Aus der grauen Diktatur gekommen, taten mir fast die Augen weh vor lauter Farben im neuen Umfeld“, erinnert sich Herta Müller. Die Literatur-Nobelpreisträgerin war wieder einmal zu Gast in Paderborn, las am Sonntag bei der Matinee im Audienzsaal des Neuhäuser Schlosses aus ihrem Werk „Der Beamte sagte“ und schilderte eindrücklich, wie und warum sie zur „Wörtersammlerin“ geworden ist.

Von Corinna Langkammer

Herta Müller ist zur „Wörtersammlerin“ geworden, und die seien vielleicht enttäuscht, wenn sie nicht an die Reihe kommen. Foto: Corinna Langkammer

Mit der ausnehmend gut besuchten Veranstaltung im Rahmenprogramm zur Ausstellung „Prinzip Collage“ in der Städtischen Galerie in der Reithalle wurde auch die intensive Beziehung zur Universität Paderborn, die Herta Müller seit vielen Jahren pflegt, weitergeführt. Seit 1989 besteht ein enger Kontakt zwischen der Autorin und dem Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft. Wiederholt war sie zu Gast an der Universität, die ihr 2012 für die literarische Leistung und das politische Engagement die Ehrendoktorwürde verlieh.

Herta Müller pflegt enge Verbindung zur Uni Paderborn

Der Paderborner Literaturwissenschaftler Norbert Otto Eke moderierte als wissenschaftlicher Wegbegleiter und Kenner des Werkes von Herta Müller die Matinee. Das „Handwerk des Schreibens mit Schere und Kleber“ folge selbstbestimmten Spielregeln, so beispielsweise dem immer gleichen Format als gestalterischem Rahmen, oder dem Prinzip, ausschließlich aus Zeitschriften, Magazinen oder Prospekten ausgeschnittene Wörter zusammenzuführen. „Ohne Gesetze wären wir nicht frei.“ Manchmal ist es die Typografie, die Herta Müller anspricht, und wenn sie so ein Lieblingswort gefunden hat, verwendet sie es gerne mehrfach in ihren Text-Bild-Collagen. „Wiederholungen beruhigen, es entsteht Gewohnheit, man kommt an“, erklärt die Frau, die aus Rumänien vor der Diktatur floh. Der Park, das Café, in dem man sich regelmäßig aufhält, können dabei helfen, in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

Weniger hilfreich, ganz im Gegenteil, seien fast inquisitorische Fragen der hiesigen Behörden gewesen, weshalb Herta Müllers Werk „Der Beamte sagte“ keine Sammlung einzelner, für sich stehender Collagen wurde, sondern in seiner Summe zur biografischen Erzählung zusammenfließt.

Texte an Wand projiziert

Mit ruhiger Stimme rezitierte die Autorin die gedichtartigen Kurztexte der Bilder, welche an die Wand des Audienzsaales projiziert wurden. Versteckte Reime traten zutage, als die Sätze mit leichtem slawischem Hauch erklangen.

Im Gespräch mit Eke offenbart sie, warum sie dem typischen Reim „immer mit der Betonung auf dem letzten Wort wie beim Teppichklopfen“ lange Zeit wenig abgewinnen konnte. Ihre Texte müssen „schön sein, leicht sein, ein Gedicht muss schaukeln“. Nicht der Reim an sich sei spießig, meist nur der Vortrag desselben.

Ihre autobiografische Werkserie „Der Beamte sagte“ lässt die ganze Kälte des Erlebten erahnen, Wörter gefrieren – der Vorgang des Fixierens, des Aufklebens der Fragmente spiegele dies wider. Faszinierend an der Collage findet Herta Müller: „Die Wörter sind ja schon da, sie kommen nicht aus meinem Kopf.“

Da ist Spielraum für Groteskes und Abgründiges. Überraschend fröhlich angesichts der Schwere des Werkes, fast im Plauderton, sagt Herta Müller: „Es ist ja ein Irrglaube zu denken, in einer ausweglosen Situation würde man nicht lachen. Die besten Witze kommen aus Diktaturen.“

Wortschnipsel alphabetisch archiviert

Mit den Wortschnipseln, die sie alphabetisch archiviert, gewinnt die Bezeichnung „Schriftstellerin“ eine fassbare Bedeutung. Die Wörter, berichtet sie lächelnd, „haben bestimmt Empfindungen, vielleicht sind sie enttäuscht, wenn sie nicht an die Reihe kommen“. Mit den Händen zu arbeiten führe dazu, sich selbst zu finden, weit mehr als beim Tippen auf einer Tastatur.

Schneiderin habe sie werden wollen oder Friseurin, berichtet die so zerbrechlich wirkende Literatin mit dem tiefschwarzen Pagenkopf und den kirschroten Lippen, es sei halt anders gekommen. Zuruf aus dem Publikum: „Zum Glück!“

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