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Paderborns Domkantorin Gabriele Sichler-Karle wechselt nach Trier

Eine Anfrage mit Folgen

Paderborn

Gabriele Sichler-Karle hat sich um die Paderborner Dommusik verdient gemacht. Sie baute die Mädchenkantorei auf und schloss damit eine Lücke im Vergleich zu anderen Bistümern. „Jetzt gehe ich mit einem Bein in den Ruhestand und mit einem nach Trier“, erzählt sie.

Dietmar Kemper

Das ist die Stelle im Dom, an der Gabriele Sichler-Karle seit 2008 so oft und so gerne als Domkantorin gestanden hat. Foto: Dietmar Kemper

Am Sonntag, 17. Januar, wird Gabriele Sichler-Karle zum letzten Mal einen Gottesdienst im Paderborner Dom gestalten. Zum 1. Februar geht die 63-jährige Domkantorin in die Ruhephase der Altersteilzeit. Eigentlich wollte Gabriele Sichler-Karle jetzt mit ihrer Schwester den Franziskusweg gehen, das Cellospiel lernen und mit ihren Mann Michael ausgiebig wandern, aber dann meldete sich eine Kollegin bei ihr und es kam anders.

„Sie fragte mich, ob ich sie nicht in ihrer Elternzeit 15 Monate lang als Domkantorin in Trier vertreten könnte“, erzählt Gabriele Sichler-Karle. Und weil die Mutter einer Tochter und eines Sohnes weiß, wie schwer es ist, Beruf und Familie mitein­ander zu vereinbaren, sagte sie Christina Elting zu. Mit der Paderborner Mädchenkantorei hatte sie bereits 2015 im Trierer Dom gesungen, künftig kümmert sie sich um die Sängerinnen dort.

Chorgesang hält Gabriele Sichler-Karle weiterhin für zeitgemäß und bereichernd: „Wir bilden junge Menschen musikalisch, aber auch persönlich. Und hier haben wir eine große Verantwortung. Die jungen Leute nehmen durch den Chorgesang mit, dass es sich lohnt, gemeinsam an etwas zu arbeiten.“ Als in Paderborn eine Mädchenkantorei aufgebaut werden sollte, bewarb sich Gabriele Sichler-Karle, die aus Tuttlingen in Schwaben stammt, um die reizvolle Aufgabe.

Zuvor hatte sie Kirchenmusik in Rottenburg und Dirigieren an der Musikhochschule in Karlsruhe studiert mit dem Ziel, an einem Dom zu arbeiten. Im Oktober 2008 konnte sie in Paderborn loslegen. „Wir haben bei null angefangen, jetzt sind es 170 Mädchen und junge Damen, und der Chor ist nicht nur national, sondern auch international bekannt“, blickt sie zurück. Auch das erste Coronajahr habe die Mädchenkantorei ohne nennenswerte Abgänge gut überstanden, sagt Gabriele Sichler-Karle erleichtert.

Gabriele Sichler-Karle feilte im Probenraum des Hauses der Dommusik mit den Sängern an den Konzerten. Foto: Dietmar Kemper

Aus dem realen wird in diesen Zeiten oft ein virtueller Chor: Jedes Mädchen hört sich über Kopfhörer eine Übedatei an, singt dann zuhause und zeichnet das Ergebnis als Video auf. Die Videos der Einzelnen werden dann zum virtuellen Chor der vielen zusammengeschnitten.

Das hat Vorteile. „Sonst höre ich nur den Chorklang, jetzt höre ich jedes Mädchen einzeln, und das gibt mir die Möglichkeit, Stärken und Schwächen zu entdecken“, sagt die Domkantorin. Wie viele Gottesdienste und Konzerte sie gestaltet hat, weiß sie nicht. Die Qualität eines Konzerts hänge nicht nur von der Zahl der richtig getroffenen Töne ab, sondern davon, ob es die Menschen berühre: „Ein Zeichen für ein besonders gelungenes Konzert ist, wenn die Zuhörer erst einmal nicht klatschen.“

Lebensmittelpunkt der Familie Sichler-Karle wird künftig die Kleinstadt Achern zwischen Karlsruhe und Offenburg sein. Das Ehepaar hat sich zusätzlich ein Wohnmobil gekauft, mit dem es immer wieder auch Paderborn ansteuern könnte. Den Dom hier wird Gabriele Sichler-Karle vermissen: „Er ist so warm und strahlt etwas Harmonisches aus.“ Sie wird aber nicht nur an Gottesdienste und Konzerte zurückdenken, sondern auch an Chorfahrten wie die 2017 in die Armut Brasiliens mit Besuch eines Kinderheims und Waisenhauses. „Wir haben mit den Kindern ein paar Tage gelebt, mit ihnen gespielt, gesungen und auf dem Fußboden geschlafen“, erinnert sich Gabriele Sichler-Karle. Einige Sängerinnen aus dem wohlhabenden Paderborn habe das demütig gemacht.

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