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Theater inszeniert »Scheißjugend« von Andreas Altmann

Eine Kindheit ohne Liebe

Paderborn (WB). Die Inszenierung mit dem drastischen Titel »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend« hat an diesem Samstag am Theater Paderborn Premiere. Das Stück von Oliver Kluck verarbeitet die Autobiografie von Andreas Altmann.

Szene aus der Inszenierung »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend« am Theater Paderborn mit Nancy Pönitz und Sebastian Muskalla. Das Stück wird im Studio aufgeführt. Foto: Christoph Meinschäfer

Altmann, Jahrgang 1949, erzählt schonungslos und berührend zugleich, wie er sich im erzkatholischen Altötting unter den perfiden und gewalttätigen Erziehungsmethoden des Vaters zu behaupten versucht. Der Rosenkranzhändler und Kirchenchorsänger prügelt seinen Sohn bis zur Bewusstlosigkeit. Die Mutter ist zu schwach, ihre schützende Hand über den Jungen zu halten.

An­dreas Altmann hatte Schwierigkeiten, im Erwachsenenleben Fuß zu fassen. Er überwand seine lieblose Kindheit mit Hilfe von Therapien. Heute arbeitet er als Schauspieler und Autor.

Inszeniert hat dieses Drama, in dem neben den Ensemblemitgliedern Nancy Pönitz und Denis Wiencke auch Sebastian Muskalla als Gastschauspieler zu sehen sein wird, die gebürtige Wienerin Fanny Brunner. Die 1973 geborene Theaterwissenschaftlerin, die zum ersten Mal in Paderborn Regie führt, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur klassischen Balletttänzerin an der Staatsoper Wien und studierte danach an der Universität Wien und assistierte zeitgleich bei bekannten Regisseuren wie Armin Petras, Anselm Weber und Jan Bosse. Ab 2002 folgten eigene Regiearbeiten, unter anderem am Schauspiel Frankfurt, am Landestheater Linz, am Schauspielhaus Wien und am Hessischen Landestheater Marburg.

Lange und enge Zusammenarbeit

Mit dem Bühnen- und Kostümbildner Daniel Angermayr, geboren 1974 in Österreich, verbindet Brunner eine lange und enge Zusammenarbeit, die nun auch in Paderborn fortgesetzt wird. Angermayr hat als freier Künstler schon mit Christoph Schlingensief gearbeitet und Bühnenbilder für Schauspielhäuser in Frankfurt, Bochum, Stuttgart, Dresden, Mannheim und für die Bayreuther Festspiele konzipiert.

»Uns ist durchaus bewusst, dass das Stück hier in Paderborn als Provokation wahrgenommen werden könnte«, erklärt die Dramaturgin des Theaters, Kerstin Car. »Für uns stand aber von Anfang an die Geschichte einer Kindheit im Nachkriegsdeutschland im Vordergrund, die allzu gerne als Einzelschicksal abgestempelt wird, dabei aber eher eine Stellvertreterfunktion einnimmt. Wie hier Religion als Vorwand für körperliche Züchtigungen und Missbrauch instrumentalisiert wird, während die stummen Hilferufe eines Kindes hinter den bigotten Mauern einer Kleinstadt verhallen, ist nur ein Aspekt der Inszenierung.« Das Stück biete zudem reichlich Potenzial, sich kritisch mit der identitätsstiftenden Wirkung von Religion und einem zutiefst patriarchalen und autoritären Gesellschaftssystem ausein­anderzusetzen. »Wir freuen uns in jedem Fall auf einen regen Austausch mit unserem Publikum. Wir werden Gespräche im Anschluss an ausgewählte Vorstellungen anbieten«, kündigt Kerstin Car an.

Für die Premiere an diesem Samstag um 19.30 Uhr sind noch Restkarten an der Theaterkasse erhältlich Weitere Vorstellungen folgen im Juni und Juli. Informationen erhalten Sie online .

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