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Keimzelle des Paderborner Volksfestes war der 1521 genehmigte Magdalenenmarkt – Jubiläumsbuch erscheint im Juli

Eine Urkunde leitet die Libori-Erfolgsgeschichte ein

Paderborn

Ob Libori in diesem Jahr wie gewohnt gefeiert werden kann, ist offen. Fest steht dagegen, dass im Juli im Bonifatiusverlag ein Buch erscheinen wird, das die 500-jährige Geschichte des Volksfestes erzählt. „500 Jahre Libori“ verfolgt dabei ein anderes Konzept als viele andere Veröffentlichungen zuvor.

Dietmar Kemper

Wilhelm Grabe (links) präsentiert die Urkunde für den Magdalenenmarkt aus dem Jahr 1521, Andreas Gaidt ein Libori-Plakat von 1979. Foto: Jörn Hannemann

„Lange Zeit stand der kirchliche Aspekt der Feierlichkeiten in Festschriften im Vordergrund“, sagt der Leiter des Stadt- und Kreisarchivs, Wilhelm Grabe. Die weltliche Seite sei nur wie ein Anhängsel behandelt worden, aber das ändere sich mit dem neuen Buch. Neben Grabe sind an ihm der Mitarbeiter des Archivs, Andreas Gaidt, und der Domvikar Hans Jürgen Rade federführend beteiligt. Natürlich ist ein Buch über Libori undenkbar, in dem nicht die Überführung („Translatio“) der Gebeine des Heiligen Liborius 836 von Le Mans nach Paderborn erwähnt wird. Auf sie und die damit verbundene Aufwertung Paderborns zum Wallfahrtsort gingen Festschriften zum Beispiel 1736 und 1936 ausführlich ein. Die Seiten waren von Religion getränkt.

So wurde 1926 Libori gefeiert. Auch damals schon dauerte das Volksfest sieben Tage. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn

Die andere, weltliche Seite nahm ihren Anfang im 16. Jahrhundert. Am 22. Juli 1521 fand in Paderborn zum ersten Mal der Magdalenenmarkt statt. Daran erinnert im Stadt- und Kreisarchiv die Gründungsurkunde des Bischofs Erich von Braunschweig vom 15. Januar 1521, mit der er auf eine Bitte der Stadt reagierte. „Der Magdalenenmarkt war ein Fall von Wirtschaftsförderung“, betont Wilhelm Grabe. Ziel sei es gewesen, Händler in die Stadt mit ihren damals etwa 4000 Bewohnern zu holen. Der Bischof genehmigte noch einen weiteren Jahrmarkt, aber der Markt, der am 22. Juli, dem Namenstag der Heiligen Magdalena, abgehalten wurde, entwickelte sich zur Keimzelle von Libori. Weil dem Heiligen Liborius immer am 23. Juli gedacht wurde, verschob sich der Beginn des Magdalenenmarktes auf diesen Tag. „Die Quellenlage aus dieser Zeit ist dürftig, aber klar ist, dass sich aus diesem Markt Libori entwickelt hat“, sagt An­dreas Gaidt. Vermutlich seien von Beginn an auch Gaukler vertreten gewesen, denn „ein bisschen Bespaßung war immer dabei“.

Frauen stöbern auf dem Pottmarkt. Das Foto entstand zwischen 1936 und 1938. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn

In den Jahrhunderten danach etablierte sich das Fest, und Jubiläen wie das zum 900. Jahrestag der Überführung der Gebeine nach Paderborn im Jahr 1736 wurden pompös begangen. An die feierwütige Zeit des Barock erinnert eine Festschrift mit der Darstellung eines Feuerwerks. „Zum klassischen Volksfest hat sich Libori Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt“, erläutert Wilhelm Grabe. Übrigens dauerte Libori damals schon eine Woche. Anfangs war der Magdalenenmarkt vor der Stadt abgehalten worden, dort wo heute die Herz-Jesu-Kirche steht. Anfang des 19. Jahrhunderts folgte die Verlegung auf den Domplatz, ehe 1850 die Kirmes auf Wunsch der Kirche auf den Liboriberg verdrängt wurde. An dessen Stelle auf dem Domplatz rückte der Pottmarkt. Statt Überschlagkarussells und Achterbahnen wie heute bestimmten lange Wurfbuden und Kegelbahnen das Bild. Privatleute ließen sich seit den 1860er Jahren von Wanderfotografen beim Volksfest ablichten, der Einzelhandel entdeckte die Zugkraft des Festes und legte ab 1850 spezielle Libori-Angebote auf. Vom Flughafen in Mönkeloh seien in den 1920er Jahren Maschinen aufgestiegen, die Spruchbänder hinter sich herzogen oder Zettel abwarfen, erzählt Wilhelm Grabe.

Das Riesenrad ist ein fester Bestandteil des Volksfestes. Hier ist das Riesenrad der Familie Steiger im Jahr 1958 zu sehen.. Foto: Wolfgang Mietusch

Zu Reibereien kam es in den 1930er Jahren zwischen den Nazis und der katholischen Kirche. Die neuen Machthaber wollten vor allem die religiösen Feiern behindern, stießen dabei aber beim Erzbischof und vielen Katholiken auf Widerstand. Beim Liborifest 1936 habe das Bistum eine „sehr kriegerische Abbildung von Liborius als Statement gegen den Nationalsozialismus gewählt“, weiß Andreas Gaidt. Zuvor sei Liborius immer gütig und sanftmütig dargestellt worden. Die katholische Kirche gab sich also wehrhaft, aber im von Hitler angezettelten Zweiten Weltkrieg verwandelte sich auch der Dom in ein Trümmerfeld. 1944 und 1945 fiel das Volksfest aus, blieb aber als Fixpunkt in den Köpfen der Paderborner erhalten. Bis Libori sollten wichtige Arbeiten fertig sein, beschreibt Andreas Gaidt das damals weit verbreitete Denken und nennt die Richtfeste für den Dom (1946) und das Rathaus (1947) als Beispiele. Mit den Wahrzeichen wuchs auch das Volksfest; 1949 titelte das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT: „Endlich haben wir wieder ein Großlibori.“

Libori 1958: Ein Junge vergnügt sich. Foto: Wolfgang Mietusch

Nach dem Krieg fächerte sich Paderborns Fünfte Jahreszeit weiter auf: Das Libori-Mahl, der Europatag und der Tag des Handwerks kamen hinzu, zudem Kultur als eine weitere Säule. Bürgerschaftliches Engagement ergänzte das der Stadt und der Kirche. Privatleute wie Maria Steiger drückten Libori ihren Stempel auf, und immer deutlicher wurde erkannt, dass das Fest viel Geld in die Stadt bringt. Bis in die 1960er Jahre hinein setzte die Bahn zu Libori Sonderzüge ein. Im Laufe der Zeit ging die Zahl der Besucher in die Millionen – angesichts der bescheidenen Anfänge des Magdalenenmarkts ist Libori eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Gleichzeitig wurde aus einem einst gemütlich kleinen Fest ein Riesenrummel. Von all dem wird in dem Buch genauso erzählt wie vom Tiefpunkt im vergangenen Jahr, als Libori coronabedingt ausfallen musste und nur ansatzweise digital ablief. Hoffentlich wiederholt sich dieses traurige Schicksal nichtzum runden Geburtstag.

Erinnerungsstücke gesucht

Das Buch „500 Jahre Libori“ erscheint im Juli 2021 im Bonifatiusverlag. Es wird 180 Seiten haben, 34 Euro kosten und den Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert haben. Neben der Buchveröffentlichung ist zum 500. Geburtstag im Juli auch eine Ausstellung im Stadtmuseum geplant. Noch werden Erinnerungsstücke an Libori gesucht, wie Bierdeckel, Fotografien, Blumen von der Schießbude, Losbudengewinne und anderes mehr. Wer so etwas besitzt, kann sich beim Stadt- und Kreisarchiv Paderborn telefonisch (05251/8811593) oder per E-Mail (stadt-und-kreisarchiv@paderborn.de) melden.

Lesen Sie hier auch den Bericht: „‚Wir gehen in die Vollen‘ – Stadt Paderborn will 500 Jahre Libori groß feiern“.

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