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Mit ökumenischem Gottesdienst im Paderborner Dom der Opfer des Nationalsozialismus gedacht

„Es geht um Mitmenschlichkeit“

Paderborn

Mit einem ökumenischen Gottesdienst im Paderborner Dom begingen am Mittwoch Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche in Verbindung mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Paderborn den bundesweiten „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“.

wn

Am „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ feierten Domkapitular Monsignore Dr. Michael Menke-Peitzmeyer (l.) und Superintendent Volker Neuhoff im Paderborner Dom einen ökumenischen Gottesdienst und sprachen ein Segensgebet. Foto: Thomas Throenle / Erzbistum Paderborn

Domkapitular Monsignore Dr. Michael Menke-Peitzmeyer leitete den via Livestream übertragenen Gottesdienst in der Bischofskirche des Erzbistums Paderborn, Superintendent Volker Neuhoff vom Evangelischen Kirchenkreis Paderborn hielt die Predigt. Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wurde im Altarraum des Hohen Domes eine Kerze entzündet für verschiedene Opfergruppen: Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Schwule und Lesben, politische Gegner des Nationalsozialismus, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, Mitglieder der christlichen Kirchen, Angehörige der Widerstandsbewegung.

„Überheblichkeit sowie Macht und Gewalt, die über Leichen geht, gehören zu den dunklen Seiten des christlichen Glaubens und der christlichen Kirchen“, sagte Superintendent Volker Neuhoff in seiner Predigt. Das Christentum und die Kirche hätten über lange Strecken der Geschichte Antijudaismus legitimiert, betrieben und begrüßt, sie hätten geschwiegen und weggeschaut, mitgemacht anstatt daran zu hindern. Doch durch die Zerstörung der Beziehung zum jüdischen Volk habe das Christentum die Wurzel des eigenen Glaubens negiert, urteilte Superintendent Neuhoff. Der 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus sei eine Ermahnung, die Augen nicht zu verschließen, nicht blind zu sein und nicht zu den dunklen Seiten der Geschichte des Christentums und der Kirche zurückzukehren.

„Es geht um Mitmenschlichkeit. Um Respekt. Um Achtung, Um Würde. Und um die Sensibilität, wenn anderen genau dies verweigert wird. Einzelnen oder Gruppen. Minderheiten“, bekräftigte der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises. Es komme darauf an, an der Seite derjenigen zu sein, die „neu erstarkender rassistischer Wahn zum Opfer machen will“. Das Engagement gegen rechtsradikale Gruppierungen und Parteien sei wichtig. Auch das Dagegenhalten, wenn Social Media als asoziale Foren missbraucht werde. Den zunehmenden unterschwelligen und offensichtlichen Äußerungen von Antisemitismus müsse widersprochen werden.

„Wenn wir unvoreingenommen auf das schauen, was in der Vergangenheit allein gegenüber den Juden an Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt geschehen ist, können wir nur zutiefst bedauern, was auch Christen während der Zeit des Nationalsozialismus den Juden und anderen marginalisierten Menschen angetan haben“, betonte Domkapitular Dr. Michael Menke-Peitzmeyer in einem dem Gottesdienst vorausgehenden Interview. Er plädiert darin für eine „Ethik der Erinnerung“ und fordert, dass jedes erste gedankliche oder verbale Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit aufmerksam verfolgt und unterbunden werden müsse. Zudem sei eine christliche „Spiritualität der Erinnerung“ bedeutsam, die nicht an Konfessionsgrenzen gebunden sei und sich auch im gemeinsamen Gebet artikulieren soll.

„Nur die Erinnerung, auch wenn sie schwer auszuhalten ist, lässt uns erkennen, welche Konsequenzen mangelnde Sensibilität gegenüber den Keimen neuer Unterdrückung und Gewalt nach sich ziehen. Daher sollten vor allem junge Menschen möglichst früh und umfassend mit dem konfrontiert werden, was sich in unserem Land zugetragen hat – vor noch nicht einmal 100 Jahren“, unterstreicht der Domkapitular.

Der ökumenische Gottesdienst im Paderborner Dom wurde musikalisch von Kirchenmusiker Marcel Eliasch, Kreiskantor Tim Gärtner sowie Gerlind Tautorus an der Geige gestaltet.

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