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Liedermacherin  Fee Badenius und Kabarettist René Sydow sorgen mit herben Gegensätzen für gute Unterhaltung

„Familienzusammenführung“ beim Kultur-Imbiss in Paderborn 

Paderborn

Wäre das Sommerabend-Gastspiel in Paderborn von Fee Badenius und René Sydow ein Cocktail gewesen, dann hätte der Barmann wohl knallrote Erdbeerbowle mit einem Schuss rauchender Salpetersäure gemixt.

Von Corinna Langkammer

Der „Kultur-Imbiss“ im Garten vor dem Haus der Dommusik in Paderborn: Am vergangenen Sonntag standen Fee Badenius und René Sydow auf der mobilen Bühne.

Was Carsten Hormes vom Kulturbüro-OWL als „Familienzusammenführung“ ankündigte, geriet am Sonntagabend (17. Juli) in Paderborn zu einem ausnehmend unterhaltsamen und mitreißenden Auftritt eines Ehepaares, bei dem die glasklare Stimme und liebenswürdig-mädchenhafte Verschmitzheit der Liedermacherin Badenius mit grandios-rotzfrechen Statements des Kabarettisten zu einer gewiss lange nachwirkenden Live-Performance verschmolzen.

Der „Kultur-Imbiss“ stand diesmal im Garten vor dem Haus der Dommusik, und der 18-Uhr-Glockenklang läutete einen ganz und gar gelungenen Abend ein, den Fee Badenius mit ihrem „Motivationslied für den ganz großen Durchbruch“ eröffnete.

Von Selbst-Optimierungs-Wahn und „digitalem Biedermeier“

Mit unverfälschter Stimme, sich selbst gerne auf die Schippe nehmend, trug sie Lieder aus ihren in zwei corona-erzwungenen Kreativ-Jahren entstandenen Alben vor. Man möchte die Frau mit der Gitarre in den Arm nehmen und rufen „ja, genau so geht's mir auch“, wenn sie den Selbst-Optimierungs-Wahn oder den populären Aufräum-Minimalismus besingt.

René Sydow fackelte nicht lange, „so, jetzt ist hier mal Schluss mit kuschelig“ und feuerte volltönend heraus, was ihm so durch den Kopf geht angesichts des „digitalen Biedermeier“ unserer Zeit. Influencer, das sind „Spam-Mails auf zwei Beinen“, im Parlament klingen „die hohlen Gefäße am lautesten“, und aus dem ehedem jugendtypischen Protest sei ein Haufen verzagter Egos geworden, vom Kinderwagen direkt in den Tesla: „Auto waschen, Rasenmähen, den Nachbarn verklagen – das reicht“.

Herbe Gegensätze beim „Kultur-Imbiss“

Das waren schon herbe Gegensätze, die Fee Badenius und René Sydow beim „Kultur-Imbiss“ servierten, und irgendwie passt das zu diesem Künstler-Ehepaar. Sie, die Waldorf-Pädagogin, aus Lübeck stammend – er, am Bodensee aufgewachsen, dessen Satire mehr als rabenschwarz daherkommt.

So folgte auf das anrührend gehauchte Lied vom Schmetterling oder die pfiffige Kindermelodie „ich bin fertig“ als voller Kontrast ein Sydow-Schocker wie „die Freiheit Europas mit der Lieferung schwerer Waffen verteidigen zu wollen ist so, als ob sie ihre Tochter anschaffen schicken, damit der Sohn Theologie studieren kann“.

Fee Badenius singt zur Gitarre aus das Warmherzigste für ein noch gar nicht geborenes Kind, Sydow sticht drastisch und in voller Absicht politisch-inkorrekt zu: „Ich werde demnächst mal losziehen und alle beleidigen!“ Der Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erschöpfe sich in „Feierabendserien, die alle so aussehen, als wären sie auf derselben bayrischen Wiese gedreht worden“, wobei der Vorteil erbärmlicher Sendungen ja sei, dass man sich vom Bildschirm abwendet, mal wieder liest oder miteinander spricht.

Gemeinsam gelacht

Die Gelegenheit dazu nutzte ein begeistertes Publikum im Anschluss an das von Badenius und Sydow gemeinsam vorgetragene André-Heller-Stück „Alles in allem“. Während Domglocken ein weiteres Mal läuteten. Nach einem artigen Dank an „Gottvater für das schöne Wetter“. Und mit dem versöhnlichen Schlusswort bedacht, die „größte Form der Toleranz ist es immer noch, gemeinsam über etwas zu lachen“.

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