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Ausstellung in Paderborn thematisiert Gewalt gegen Rettungskräfte

Fotografischer Tabubruch

Paderborn (WV). Seit Dienstag hängen die großformatigen Fotografien und Plakate der Gruppe »Paderborner Fototage« in den Schaufenstern der Bank für Kirche und Caritas am Kamp. Die abgebildeten Ganzkörperportraits erzählen die Geschichten von Paderborner Rettungskräften, die während ihrer Arbeit Erfahrungen mit Tätlichkeiten und Beleidigungen gemacht haben.

Bastian Puls

Dr. Richard Böger (Vorstandsvorsitzender der Bank für Kirche und Caritas, von links) Adelina-Christin Nowak, Landrat Manfred Müller sowie Lina Loos, Jochen Viehoff und Kristina Stog (Paderborner Fototage) präsentieren die Plakate der Ausstellung. Foto: Bastian Puls

Die Ausstellung »Rette sich, wer kann« soll einen Vorgeschmack auf die kommenden Paderborner Fototage 2020 geben, die unter dem Motto »Tabu: Verbotene Fotografie« stehen. Insgesamt sieben Betroffene hat das sechsköpfige Team abgelichtet und interviewt.

Interviews zu den Fotos gibt es online

»Wir haben während des Projektes viel über die Arbeit der Rettungskräfte gelernt und die Erfahrung gemacht, dass das Thema in der heutigen Gesellschaft tatsächlich ein Tabu darstellt«, erklärt Vorsitzender Jochen Viehoff. »Mit der Plakatkampagne wollen wir die Leute deshalb zum Innehalten bewegen. Es handelt sich hierbei um ein Kunstprojekt und nicht etwa um eine PR-Aktion.« Ergänzt werden die Bilder von Audio-Interviews der jeweiligen Hilfskraft, die online angehört werden können.

Eine der Leidtragenden ist Adelina Novak. Die 22-Jährige arbeiten als Rettungskraft bei den Maltesern und der freiwilligen Feuerwehr. Für sie gehören Pöbeleien und Anfeindungen von Passanten mittlerweile zum Alltag. »Bei einem Einsatz habe ich kleine Schnapsgläser an den Kopf geworfen bekommen. Ein anderes Problem stellen Gaffereien dar, die unsere Arbeit erheblich erschweren. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute unsere Arbeit nicht wertschätzen.«

Pro Jahr etwa 100 Fälle

Eine Begründung für die zunehmende Gewaltbereitschaft auf diesem Gebiet sieht Novak in der Abschaffung des Zivildienstes: »Ein Verständnis für den Beruf fehlt, weil weniger junge Menschen Erfahrungen in diesem Bereich sammeln. Die Gewaltaktionen gehen meistens von Menschen aus, die um die 20 Jahre alt sind.«

Wie aktuell das Thema ist, lässt sich auch von polizeilicher Seite statistisch belegen: »Im Kreis Paderborn kommt es pro Jahr zu etwa 100 Fällen von Straftaten gegen Rettungskräfte. Von diesen sind ungefähr 25 Prozent als tätliche Handlungen zu werten«, erklärt Landrat Manfred Müller. »Wir haben es hier mit einem Thema zu tun, dass unbedingt in die Öffentlichkeit gehört. Die Rettungskräfte sorgen für unsere Sicherheit. Vor allem der Konsum von Alkohol führt an vielen Stellen zu einem respektlosen Umgang mit dem Personal. Der Abstand zwischen verbalen Entgleisungen und tätlichen Angriffen ist schmaler geworden.«

Bis zum 30. April kann die Ausstellung, an der das Team etwa ein halbes Jahr gearbeitet hat, noch am Kamp begutachtet werden. Das Projekt sei dabei immer noch »in progress« und soll bis zu den Fototagen weiter wachsen. Das Foto-Festival findet nach einer schöpferischen Ruhepause seit 2015 im nächsten Jahr zum vierten Mal statt. Dabei treffen fotografische Nachwuchstalente auf langjährige Profis und stellen in der ganzen Stadt aus.

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