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Familienministerin befürchtet mehr Fälle von häuslicher Gewalt – Polizei hat keinen Corona-Effekt festgestellt

Frauenhäuser in Paderborn und Salzkotten rüsten sich fürs Fest

Paderborn/Salzkotten

Die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) befürchtet, dass mehr Frauen als sonst an den Weihnachtstagen von ihren Partnern geschlagen werden. Der Grund sei die psychische Belastung durch die Corona-Maßnahmen.

Dietmar Kemper

Ministerin Franziska Giffey. Foto: imago images/IPON

Bereits im Frühjahr habe die Zahl der Anrufe bei der bundesweiten Hilfshotline 08000/116016 um etwa 25 Prozent gegenüber 2019 zugenommen, und das besonders stark über Ostern, sagte die Ministerin den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Die Frauenhäuser in Paderborn und Salzkotten erwarten einen möglichen Ansturm von Frauen allerdings erst nach den Weihnachtstagen. Die Paderborner Polizei wiederum sieht keine Anzeichen dafür, dass die Gewalt an den Feiertagen ausufern könnte und teilt die Befürchtung der Ministerin nicht. „An den Feiertagen ist es eher ein Inne- und Aushalten, erst danach trauen sich einige Frauen, sich von ihren Männern zu befreien – zum Beispiel dann, wenn die Partner wieder arbeiten gehen“, sagte Annabelle Gödde vom Frauenhaus Paderborn dem WV. Ihre Kollegin vom Frauenhaus in Salzkotten, Karolina Keller, hat festgestellt: „Oft halten Frauen die drei Weihnachtstage noch durch, weil sie ihren Kindern das Fest nicht versauen wollen.“ Wenn Frauen dann immer noch blieben, könne die Beziehung an Silvester eskalieren.

Die von der Corona-Pandemie ausgehenden Belastungen hätten zu mehr Anfragen im Frauenhaus geführt und zu einem explosiven Klima in einigen Familien beigetragen, weiß Sozialarbeiterin Karolina Keller. Ein vierköpfiges Team kümmert sich in dem vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) betriebenen Haus mit Platz für acht Frauen samt Kindern um die Opfer von häuslicher Gewalt.

Einen deutlichen Corona-Effekt hat die Sozialarbeiterin Annabelle Gödde vom Paderborner Frauenhaus bislang nicht beobachtet. Die Zahl der geschlagenen oder bedrohten Frauen sei in den vergangenen Jahren immer schon hoch gewesen. Aus Platzmangel habe man 2016 über 200 Frauen, 2017 mehr als 180 Frauen und 2019 gut 115 Frauen mit ihren Kindern abweisen müssen. Seit November dieses Jahres verfügt das von einem Verein getragene Frauenhaus in Paderborn über 15 statt neun Plätze. Zwei sind zur Zeit frei. Mittlerweile sieben Mitarbeiterinnen versuchen, die Frauen, die bei ihnen Zuflucht suchen, zu „Expertinnen für ihr Leben“ zu machen. Die Frauen müssten selbst davon überzeugt sein, dass an einer Trennung von ihren Partnern kein Weg vorbeiführt.

„Die Gewalt geht durch alle Alters-, sozialen und kulturellen Schichten“, erläutert Annabelle Gödde. Durch Corona sei das mediale Interesse an den Frauenhäusern gestiegen. Trotzdem habe sich deren Existenz noch längst nicht bei allen her-umgesprochen.

Über Weihnachten haben Gödde und ihre Kolleginnen Bereitschaft. „Manchmal rufen die Frauen selber an; dann versuchen wir die Situation zu analysieren und verweisen auch auf die Polizei“, sagt die Sozialarbeiterin. Das Frauenhaus ist über die Nummer 05254/9322366 erreichbar, die Beratungsstelle Belladonna des SkF unter 05251/1219619.

Die Paderborner Polizei hat keine Anhaltspunkte für eine Zunahme der Fälle von häuslicher Gewalt im Gefolge der Corona-Pandemie. „Die letzten drei Monate waren sehr ruhig, wir liegen insgesamt noch unter dem Ergebnis des Vorjahres“, sagte Polizeisprecher Michael Biermann am Montag dieser Zeitung. Im Jahr 2017 gingen 249 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt ein, 2018 waren es 379 und 2019 insgesamt 277. Biermann: „Es geht mal rauf, mal runter. In diesem Jahr haben wir keine erhöhte Zahl von Anzeigen wegen häuslicher Gewalt.“

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