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Viele Zeugen sagen vor dem Paderborner Amtsgericht wenig Glaubwürdiges aus

Freispruch für mutmaßlichen Autokratzer

Paderborn (WB/upf). Wer hat die Kratzer in den BMW gemacht? Das Amtsgericht musste jetzt mal wieder feststellen: Wenn alle lügen, kann man keinen verurteilen. Nach zwei vollen Märchenstunden hieß es: Freispruch.

Das Land- und Amtsgericht Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Relativ sicher ist nur: Es trafen sich in der Nacht des 3. April zwei Trios auf der Brücke über die Driburger Straße nahe des Weißdornwegs am Kaukenberg. Es gab Streit. Und eines der Trios stand später vor einem übel ramponierten BMW, der auf dem Hinweg noch unversehrt gewesen war. Karosseriekratzer rundherum, Antenne abgebrochen, Scheibenwischer verbogen – 6600 Euro Schaden sollte ein 23-Jähriger aus der Kontrahenten-Fraktion verursacht haben.

200 Euro verschwunden

Der saß wegen Sachbeschädigung und Diebstahls vor der Strafrichterin, denn aus dem Auto waren nicht nur eine Jacke und angeblich 200 Euro verschwunden – sondern auch gleich dessen Schlüssel. Nach dem Abschließen, versteht sich, um den ganzen Vorfall noch ein bisschen interessanter zu machen.

Den Autoschlüssel fand der Anführer der BMW-Fraktion bald darauf in seinem Briefkasten, die Jacke landete bei einem anderen vor der Haustür. Der Schaden am Auto führte den Besitzer, der gar nicht an der Sache beteiligt gewesen war, weil er das Auto nämlich einem 19-Jährigen geliehen hatte, vor die Zivilkammer des Landgerichts. Allerdings erfolglos, denn schon dort wurde, um mit Verteidiger Matthias Kramer zu sprechen, „gelogen, dass sich die Balken biegen“.

Vier Zeugen, vier Meinungen

Gleiches spielte sich nach Ansicht des Rechtsanwaltes und der Richterin auch vor dem Amtsgericht ab. Da war keinem der vernommenen vier Beteiligten an dem Vorfall etwas zu entlocken, was zur Findung der einzigen Wahrheit gedient hätte. Mal wusste einer nicht, warum er sich von einem ihm halbwegs Unbekannten mitten in der Nacht zum Kaukenberg „einladen“ ließ, um etwas zu besprechen.

Ein anderer meinte, es wäre etwas „wegen einem Mädchen“ gewesen. Mal sprach einer von einer Schlägerei, ein anderer von Geschrei ohne Handgreiflichkeiten. Alle versicherten: Von einem Drogengeschäft wüssten sie nichts. Allenfalls die Darstellung, dass dunkelhäutige Männer im Dunkeln schlecht zu erkennen seien, konnte das Gericht als gesichert anerkennen.

Raubüberfall war nur erfunden

Wenigstens hatte ein Student aus der BMW-Fraktion eine glaubhafte Erklärung dafür, dass noch vor Ort der alarmierten Polizei die Mär von einem Raubüberfall aufgetischt wurde, bei dem auch der Autoschlüssel abhanden gekommen sei: „Uns ist keine bessere Version eingefallen, um zu erklären, dass der Schlüssel weg war.“ Aber das habe man ja später dann in einer neuen Aussage-Version korrigiert. Das änderte nichts an anderen Aussagen: Den Angeklagten hatten alle weggehen sehen, und zwar in die entgegengesetzte Richtung von dort, wo der BMW geparkt war. Und am Auto selbst hatte man ihn schon gar nicht beobachtet.

Dass die Staatsanwaltschaft dennoch eine Geldstrafe beantragte, konsternierte den Verteidiger. „Wie will man eine Verurteilung auf solche Zeugen stützen, von denen einer lächelnd sagt: ‚Wir haben uns eine Geschichte ausgedacht‘, und danach immer neue Versionen aus der Tasche zieht?“ Die Richterin, die schon während der Zeugenvernehmung erkennbar mit den Augen gerollt hatte, kam dem Antrag auf Freispruch des 23-Jährigen, der schon drei Mal wegen illegalen Drogenhandels vor Gericht gestanden hat, nach.

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