1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Paderborn
  6. >
  7. „Frieden ist das größte Geschenk für Kinder“

  8. >

Weihnachten bei Trennung und Scheidung – was Anwälte und das Jugendamt des Kreises empfehlen

„Frieden ist das größte Geschenk für Kinder“

Paderborn

Die Corona-Pandemie hinterlässt in vielen Familien tiefe Spuren. Die Tendenz zu Scheidungen steigt. Zu Weihnachten trifft das die Kinder besonders hart. Wie verhalten sich getrennt lebende Eltern in der Krise? Wie sollte Weihnachten gefeiert werden? Was empfehlen Anwälte und das Jugendamt des Kreises? Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT hat nachgefragt.

Ingo Schmitz

Eine Familie packt hinter einem geschmücktem Weihnachtsbaum Geschenke aus (Symbolbild). Foto: dpa/Josef Hildenbrand

„Im Bereich Familienrecht gab es seit Beginn der Pandemie viele Verunsicherungen bezüglich des Umgangsrechts. Grundsätzlich kann man aber festhalten, dass Corona nichts ändert, weil die regelmäßigen Umgangskontakte mit jedem Elternteil zum Wohl der Kinder sind. Das hat die Bundesregierung auch schon beim ersten Lockdown betont. Und das gilt auch für die kommenden Weihnachtsfeiertage.“ Das teilte die Familienrechtlerin Diana Neufeld aus Paderborn auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Weiterhin gelte aber auch, dass der Umgang eingeschränkt oder sogar ausgeschlossen werden könne, wenn es dem Wohl des Kindes schade. „Hier bringt die Corona-Krise eine neue Dimension in die Streitigkeiten zwischen Eltern“, sagt Neufeld. Nicht selten seien in den vergangenen Monaten Besuche beim anderen Elternteil vor dem Hintergrund möglicher Ansteckungsgefahren verweigert worden.

Diana Neufeld: „Oftmals wird einem Elternteil sowieso vorgeworfen, nicht genug auf die gesundheitlichen Belange des Kindes zu achten. Corona gibt Eltern durch behördliche Verbote und Empfehlungen die Möglichkeit, an der Fürsorge des anderen Elternteils weiter zu zweifeln und den Umgang zu beschränken. Einzelne Umgangskontakte können aber nur dann verweigert werden, wenn das Kind infiziert ist oder sich aufgrund einer behördlichen Anordnung in Quarantäne zu begeben hat. Eine freiwillige Quarantäne des betreuenden Elternteils und des Kindes berechtigen aber nicht zum Ausschluss des Umgangs“, sagt die Anwältin.

Zum Glück hätten sich in vielen Fällen die Eltern kooperativ gezeigt. Und nun zu Weihnachten? Diana Neufeld: „Jeder Elternteil habe, insbesondere in dieser Zeit, das enorme Bedürfnis, sein Kind an den Feiertagen bei sich zu haben. Mein Appell an die getrennt lebenden Eltern lautet, dass man den Versuch unternehmen muss, gemeinsam eine Lösung zu finden, die beiden Interessen gerecht wird.“

Ingrid Müller vom Kreisjugendamt bestätigt ebenfalls, dass es im ersten Lockdown eine deutliche Zunahme von Anfragen gab. „Es meldeten sich vorrangig Väter, die Sorge hatten, dass ihnen der Umgang mit ihrem Kind durch die Mutter wegen Corona verwehrt werden könnte. Und es waren Mütter dabei, die den Umgang gerne aussetzen wollten, um Risiken zu minimieren“, berichtet sie.

Ziel der Jugendämter und der Beratungsstellen sei es, den Blick der Eltern weg von den Konflikten auf der Paarebene hin auf ihr gemeinsames Kind und dessen Bedürfnisse zu richten. „Eltern bleiben Eltern, und fast ausnahmslos alle Kinder wünschen sich, dass ihre Eltern auch nach einer Trennung friedlich und partnerschaftlich weiterhin für sie da sind. Das erfordert Respekt der Eltern voreinander in ihrer Rolle als Vater oder Mutter und das Verständnis, dass das Kind nach der Trennung beide Elternteile weiterhin liebt. Dem Großteil scheint dies, zumindest nach einer gewissen Zeit, zu gelingen. Ein kleiner Teil der getrennten Eltern verharrt im heftigen Konflikt – zum großen Schaden der Kinder.“

Diana Neufeld ist Anwältin für Familienrecht. Foto: Privat

Weihnachten stelle für viele getrennt lebende Elternpaare eine besondere Herausforderung dar. Nachvollziehbarer Weise wünschten sich oft beide Partner, das Kind an diesen Tagen bei sich zu haben. Im günstigsten Fall werde eine Regelung gefunden, die auch aus Sicht des Kindes die wünschenswerteste ist. „Auch das erfordert wiederum die Bereitschaft, eigene Wünsche und Bedürfnisse zugunsten des Kindes zurückzustellen und die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen, gegebenenfalls auch zugunsten des ehemaligen Partners“, heißt es aus dem Jugendamt. Es geht angesichts der verschärften Corona-Beschränkungen davon aus, dass die Nachfrage bei den Beratungen nun wieder steigt. Ein Themenkomplex befasse sich auch mit den Großeltern, die für Kinder häufig mit zu ihrem engsten Umfeld gehören und wichtige Bezugspersonen sind. Auch hier müssten gemeinsam verantwortliche und individuelle Lösungen unter Beachtung der aktuellen Pandemiesituation gefunden werden, sagt Ingrid Müller.

Grundsätzlich gelte: Je dramatischer der Kampf zwischen Eltern tobe, umso massiver gerieten die Kinder in einen Loyalitätskonflikt. Müller: „Eine Regelung vor dem Familiengericht erscheint Eltern in hochstrittigen Fällen oft als Lösung, was sich in der Praxis dann oft als Trugschluss erweist. Eine echte Lösung kann nur erreicht werden, wenn es den Eltern gelingt, Frieden miteinander zu schließen. Das ist das größte Geschenk, das sie ihren Kindern machen können – nicht nur in der Weihnachtszeit!“

Startseite
ANZEIGE