1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. OWL
  4. >
  5. Paderborn
  6. >
  7. Furchtloser Zeuge stellt Räuber

  8. >

Überfall auf Tankstelle in Sennelager: Mutmaßliche Täter vor dem Landgericht

Furchtloser Zeuge stellt Räuber

Paderborn (WB). Es lief offenbar wie im Gangster-Film ab: Ein Maskierter betritt den Verkaufsraum, schießt in die Luft, rennt mit Geld in der Tasche wieder raus. Dann fährt die Räuber-Truppe mit quietschenden Reifen los. So ist es geschehen im August 2019 an einer Tankstelle in Sennelager. Drei junge Männer müssen sich seit Freitag für den Überfall vor Gericht verantworten. Denn dessen Ende war nicht minder filmreif: Ein unbeteiligter Autofahrer machte den Flüchtenden einen Strich durch die Rechnung.

Ulrich Pfaff

Diese Tankstelle in Sennelager ist im August 2019 überfallen worden. Die mutmaßlichen Täter stehen nun vor Gericht. Foto: Oliver Schwabe

Die Anklage vor dem Landgericht lautet auf gemeinschaftliche besonders schwere räuberische Erpressung. Eine Pistole war im Spiel, wenn auch „nur“ eine Schreckschusswaffe. Man könnte von einer professionell ausgeführten Tat sprechen, wenn man nicht wüsste, wie es dann weiterging mit den drei jungen Paderbornern bei dem Versuch, den Tatort unerkannt zu verlassen. Denn in dem Moment, in dem die Flucht begann, wechselte das Gangsterdrama in eine Möchtegern-Kriminellen-Komödie.

Unterwegs mit Schreckschusspistole und Sturmhauben

Doch zunächst zur Vorgeschichte: An jenem Augustabend hängen die drei Angeklagten offenbar gemeinsam ab. Der 23-Jährige, der die vergangenen Jahre im Ausland verbracht hat, ist nach ein paar Wochen in Paderborn nach eigenen Angaben pleite. „Ich hab einfach zu viel Geld ausgegeben“, sagt der mutmaßliche Haupttäter vor Gericht. Die beiden Mitangeklagten, 28 und 20 Jahre alt, hatten wohl ebenfalls zu wenig Geld. Der ältere der beiden Cousins hatte 45.000 Euro Schulden. „Wir haben überlegt, einen Dealer abzuziehen“, schildert der Jüngste des Trios die Situation. „Aber wir kannten gar keinen.“

Also beschließen sie, ein bisschen herumzufahren, eine Schreckschusspistole und Sturmhauben haben sie bereits im Auto. Die Shell-Tankstelle in Senne­lager, nahe der Autobahnausfahrt, kennt der 23-Jährige von früher. Während der 28-Jährige im Auto wartet und der 20-Jährige an der Schiebetür Schmiere steht, geht der 23-Jährige maskiert hinein und feuert die Pistole in Richtung Decke ab. Der Kassierer gibt dem Maskierten Bargeld aus der Kasse und Münz-Wechselgeld aus einem Tresor. Als der 20-Jährige wegen eines herannahenden Autos Alarm schlägt, will das Trio abhauen. Aber das geht schief.

Zeuge droht mit Schlägen

Der 23-Jährige schafft es nicht mehr zu dem Fluchtwagen, vermutlich, weil er dem auf den Plan getretenen BMW-Fahrer in unklarer Absicht seine Pistole vor die Scheibe hält. „Wenn der auf mich schießen will, nehme ich den mit“, gibt der 37-Jährige als Zeuge vor Gericht zu Protokoll – also habe er Gas gegeben. Der 23-Jährige rennt weg, wird später am Schlosspark in Schloß Neuhaus zu Fuß mit 570 Euro und seiner Pistole von der Polizei aufgegriffen.

Die anderen beiden, die im Auto flüchten, werden von dem couragierten BMW-Fahrer verfolgt – bis sie in Sande in eine Sackgasse fahren. Den Rückweg blockiert der Zeuge mit dem BMW. Der 28-Jährige ist angesichts der Schläge, die ihm der Zeuge androht, so verdattert, dass er das Eintreffen der Polizei bewegungslos hinter dem Lenkrad erwartet. Der 20-Jährige setzt sich ab, lässt aber seinen Personalausweis im Fluchtfahrzeug zurück, so dass die Polizei ihn kurz darauf zuhause festnehmen kann.

Tankstellen-Kassierer verlor seinen Job

Nun sitzen sie auf der Anklagebank, gestehen, was ohnehin nicht zu leugnen ist, und entschuldigen sich bei dem Tankstellen-Kassierer für ihre Tat. Der Kassierer zeigt sich – selbst für die Richterinnen der Jugendkammer – erstaunlich verständnisvoll, als er die Entschuldigung annimmt: „Ich kann das verstehen, wenn man Geldsorgen hat.“ Er selbst hat seit dem Überfall einen Tinnitus, seit Herbst auch keinen Job mehr – weil er sich sechs Wochen lang krank gemeldet hatte. Die Jugendkammer wird wohl am nächsten Dienstag ein Urteil fällen.

Startseite
ANZEIGE