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23 Jungen und Mädchen sowie Lehrer kamen um

Gedenktafeln erinnern an Gräueltaten an jüdischen Waisen

Paderborn (WB). Etliche jüdische Waisenkinder sind von Paderborn in Vernichtungslager gekommen und dort ermordet worden. Um die Erinnerung an die Gräueltaten wach zu halten, sind am Sonntag die neuen Gedenktafeln im Umfeld des ehemaligen Waisenhauses an der Husener Straße der Öffentlichkeit vorgestellt worden.

Ingo Schmitz

Monika Schrader-Bewermeier steht vor der Stele (rechts), die vor 30 Jahren am LWL-Internat an der Husener Straße zum Gedenken an die Verbrechen an den jüdischen Waisenkindern in der NS-Zeit aufgestellt worden ist. Foto: Ingo Schmitz

Gemeinsam hatten die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) und die Stadt Paderborn das Projekt angeschoben. Rund 30 Bürger nahmen an der Feierstunde teil, zu der Bürgermeister Michael Dreier ein ganz klares Statement abgab. Antisemitismus und Judenhass dürfe es nie wieder geben. »Die neuen Tafeln sind ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen«, betonte er.

Vom jüdischen Waisenhaus zum Treffpunkt der Hitlerjugend

Die historischen Hintergründe erläuterte die Vorsitzende Monika Schrader-Bewermeier. Demnach ging das jüdische Waisenhaus für Westfalen und Rheinland an der Leostraße 3, an dessen Stelle heute das LWL-Internat und LWL-Schulverwaltung steht, auf die Paderborner Jüdin Fanny Nathan zurück. »Das fiel in eine Zeit des sozialen Engagements«, verwies Schrader-Bewermeier darauf, dass sich der Staat nicht für die Waisen zuständig gefühlt habe.

Finanziert wurde alles mit Spenden und einem Lotteriegewinn. Die Leitung des Waisenhauses blieb in all den Jahrzehnten in Familienhand, bis im Jahr 1930 Lise Dreyer, ebenfalls eine Verwandte von Fanny Nathan, übernahm. Mit der Erstarkung des NS-Regimes seien Schulverbote für jüdische Kinder gefolgt, die schließlich ebenfalls in dem Waisenhaus unterrichtet wurden. Nach dem Synagogenbrand 1938 sei es zu einem jüdischen Zentrum in Paderborn geworden sagte Schrader-Bewermeier. Sie sei dankbar, dass die drei neuen Gedenktafeln unter anderem an der Husener und der Leostraße nun die 30 Jahre alte Stele ergänzen.

Zeitzeuge erinnert sich

An den damaligen jüdischen Lehrer David Köln, der im Waisenhaus unterrichtete, kann sich der Paderborner Heinrich Claes noch sehr gut erinnern. Der Zeitzeuge berichtete dem WV: »Der Lehrer war sehr schüchtern. Er ging immer an der linken Seite der Leostraße entlang und hielt dabei seine Aktentasche vor die linke Brust. Dort befand sich sein Judenstern. Als mein Vater ihn eines Tages ansprach, wehrte er ab und erklärte, dass man mit ihm nicht sprechen dürfe. Meinem Vater war das aber völlig egal.«

1942 mussten die letzten verbliebenen jüdischen Waisen mit ihren Lehrern das Haus verlassen. Während die meisten in Auschwitz und Ahlem (Hannover) umkamen, zog schließlich die Hitlerjugend ein, berichtet Heinrich Claes. Anfang 1945 habe ein Frontsoldat aber alle Kinder nach Hause geschickt. Er sei nicht mehr bereit gewesen, für die jungen Menschen die Verantwortung zu übernehmen. Das sei eine vernünftige Entscheidung gewesen, betont Claes.

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