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Paderbornerin setzt Paketboten ein Denkmal

Gedicht verfremdet

Paderborn (WB). Angela Tops aus Paderborn hat Mitleid mit den Paketboten. Sie fragt sich, was der Konsum mit Weihnachten macht. Darüber hat sie ein Gedicht geschrieben und dafür eine Vorlage von Theodor Storm „überarbeitet“.

Ein Mann und viele Pakete, Zusteller haben in der Weihnachtszeit viel zu tun. Foto: dpa

Himmlische und sonstige Boten

Von Drauß’, von der Verpackstation, komm ich her. Ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr. Doch statt goldner Lichtlein auf den Tannenspitzen sah ich all überall Reklamebilder blitzen.

Vorbei sind auch Schlitten, Schnee und Eis, viele Pakete machen mir diese Zeit heiß. Da droben, aus dem Himmelstor, sieht mit Radaraugen Herr Amazon hervor.

„Los, Weihnachtsmann“, rief er, „alter Gesell, Hebe die Beine und spute Dich schnell. Die Weihnachtslichter sind seit langem an, und die Versandhaustore seit Wochen aufgetan. Doch es kann nicht Weihnachten werden ohne Verteilung auch der letzten Pakete auf Erden. Drum fliegst Du morgen noch einmal hinab und erledigst, was ich noch auf dem Lager hab.“

Ich sprach: „Oh Herr Amazon, das ist nicht schön. Meine Arbeit sollte doch heute zu Ende geh’n.. Ich habe Berge von Paketen ausgetragen, und möchte nun auch Weihnachten haben. Er sprach: „Deine Ausreden, mein Knecht finde ich überflüssig und schlecht. In diesen vorweihnachtlichen Zeiten muss man Zeitgrenzen überschreiten.“

Bevor der Kerl entschwunden, fragt’ ich geschwind, „Was ist denn mit der Rute für ein böses Kind?“ „Die Rute für ein böses Kind? Dass ich nicht lache. Ob gut oder böse, ist nicht Deine Sache. Jeder kriegt, was er im Internet hat bestellt, die Frage nach Gut und Böse wird nicht gestellt. Die Rute lässt Du besser zu Hause liegen, könntest sonst ein Gerichtsverfahren kriegen.

Herr Amazon entschwand dann meinem Blick und ließ mich mit vielen Fragen zurück. Ich fragte mich und frag auch Euch, Ihr lieben Leute, für was steht denn ein Paketbote heute? Blickt man zurück, wurd’ mit den Jahren aus dem Christkind der Weihnachtsmann der auch den Nikolaus ersetzen kann.

Und ich? Bin ich vielleicht ein rollender, himmlischer Bote? Oder erhöhe ich nur dem Herrn Amazon die Quote? Was ist geblieben vom Sinn der Weihenacht? Wäre weniger Konsum nicht angebracht? Stattdessen mehr Zeit, Liebe und Teilen, um mehr bei den Lieben zu verweilen.

Und ich wünsche mir nicht zuletzt faire Arbeitsbedingungen und gerechten Lohn. Das brächte Gerechtigkeit und Frieden zum Fest. Genug der Gedanken und Fragen ich muss weitere Pakete austragen. Ja, ich muss mich sputen und eilen und kann nicht länger bei Euch verweilen.

Ich wünsche Euch für die kommende Zeit Frieden, Gemeinschaft und Besinnlichkeit. Das Kind in der Krippe gibt Hoffnung und Mut. Es segne Euch – Ihr Lieben – macht’s gut!

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