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Interview mit Rüdiger Matisz zur Situation am Arbeitsmarkt in Paderborn

„Ich sehe Stagnation, aber keine Krise“

Paderborn (WB). Am Arbeitsmarkt im Hochstift ist in diesem Jahr viel Bewegung gewesen. Sind die guten Zeiten vorbei? Mit Rüdiger Matisz, Chef der Agentur für Arbeit in Paderborn, hat Redakteur Ingo Schmitz gesprochen.

Ingo Schmitz

Rüdiger Matisz, Chef der Agentur für Arbeit im Hochstift, blickt positiv gestimmt auf das Jahr 2020. Foto: Ingo Schmitz

Zu Beginn des Jahres gab es mehrere Betriebe mit größeren Entlassungen. Wie hat sich das entwickelt?

Rüdiger Matisz: Zunächst konnte man nicht abschätzen, wie sich das entwickeln würde. Dazu beigetragen hat die Firma Welle, die über das Jahr hinweg 300, 400 Leute entlassen hat. Das waren aber auch die Briten, wo wir mit mehr als 600 arbeitslosen Zivilbeschäftigten gerechnet haben. Durch die Nachnutzung des Truppenübungsplatzes sind jedoch 315 neue Arbeitsplätze entstanden. Auch die Schließung des Möbelhauses Finke hatte Auswirkungen. Von den 200 Mitarbeitern aus dem Verkauf sind nicht mehr viele am Markt. Die meisten haben im näheren oder weiteren Umkreis einen neuen Job gefunden. Die Verwaltungsmitarbeiter haben es nicht ganz so einfach. Wir müssen nämlich feststellen, dass die Stellenangebote rückläufig sind.

Wie schätzen Sie die Lage bei Benteler ein?

Matisz: Ich bin da nicht skeptisch. Wenn das Stahlwerk in Bottrop geschlossen wird, kann das für den Standort hier sichernd sein. Auch das Freiwilligenprogramm bei Benteler Automotive wird gut angenommen, wie man hört. Der Abbau von Mitarbeitern in der Verwaltung könnte ein größeres Thema werden. Aber: Das passiert ja nicht alles 2020.

Wie sieht es im Bereich Kurzarbeit aus?

Matisz: Die hat sich im vergangenen halben Jahr verdoppelt, allerdings auf einem niedrigem Niveau von 500 auf 1000 Beschäftigte. Das ist aber nur ein Zehntel im Vergleich zur Krise 2008/09. Das zeigt: Die Unsicherheit in der Industrie wächst.

Welche Auswirkungen hat das auf die Leiharbeit?

Matisz: Man kann generell sagen, dass die Leiharbeit um 20 Prozent zurück gefahren worden ist. Das gilt aber nicht für alle Bereiche. Trotz aller Sparprogramme werden immer wieder Leiharbeiter angefordert.

Zur Person

Rüdiger Matisz (63) ist seit 1990 bei der Agentur für Arbeit in Paderborn und ist damit zuständig für das gesamte Hochstift. Für das Jahr 2020 kündigt sich allerdings ein Führungswechsel in der Agentur an. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben. Seinem Nachfolger hinterlässt Matisz hervorragende Zahlen: Aktuell beträgt die Arbeitslosenquote im Kreis Paderborn 4,8 und im Kreis Höxter 3,5 Prozent.

Wo liegen aktuell die Probleme bei der Vermittlung von Arbeitslosen?

Matisz: Jüngere haben keine Schwierigkeit eine neue Stelle zu finden. Bei älteren, die ihren Job verlieren, ist das nach wie vor anders. Über 50-Jährige werden nicht so leicht vermittelt. Sie sind aufgrund ihres Alters im öffentlichen Dienst und in der Wohlfahrtspflege teurer als junge Bewerber und haben mitunter gesundheitliche Einschränkungen. Allerdings gibt es jetzt vereinzelt Betriebe, die über 60-Jährige für Projekte auch befristet einstellen. Das ist eine interessante Entwicklung und zeigt, wie groß die Not in den Firmen ist. Die Fachkräftelücke drückt.

Firma Höffner hat angekündigt, das neue Möbelhaus in der Liboriwoche 2020 eröffnen zu wollen. Wirkt sich das bereits auf den Arbeitsmarkt aus?

Matisz: Höffner ist intensiv bei der Personalrekrutierung. Wir haben einen Auftrag über 300 Leute. Darüber sind die Marktbegleiter nicht unbedingt erfreut, weil eine Konkurrenz entsteht.

In welchen Bereichen wird ebenfalls Personal gesucht?

Matisz: Im Handwerk. Da kann man hingucken, wo man will: Alle Firmen, die mit Hoch- und Tiefbau zu tun haben, haben Bedarf. Das gilt auch für den Bereich Gas, Wasser, Heizung, Sanitär, Klima, Lüftung. Immer noch hoch ist der Bedarf an Fahrern. Aber auch Informatiker oder Entwicklungsingenieure werden gesucht, weil Firmen expandieren.

Wie flexibel sind diejenigen, die jetzt ihren Job verlieren?

Matisz: Seit zwei Jahren sind Umschulungen wieder verstärkt im Programm. Die Zahlen der Teilnehmer haben sich auf 300 pro Jahr verdoppelt. Man sieht also die Bereitschaft.

Wie hat sich die Integration der Flüchtlinge entwickelt?

Matisz: 40 Prozent der arbeitsfähigen Flüchtlinge sind in Arbeit. Ein anderer Teil ist in Qualifizierungen und Sprachlehrgängen. Hier kann man vielen Betrieben nur Dank sagen, die Flüchtlinge beschäftigen und zusätzliche Mitarbeiter einsetzen, um die Flüchtlinge zu integrieren. Insgesamt ist es besser gelaufen, als man erwarten konnte, was aber auch an der Wirtschaftslage liegt.

Was passiert, wenn die Konjunktur nachlassen sollte?

Matisz: Ich sehe Stagnation, aber keine Krise. Aber es ist natürlich immer so: Wer zuletzt kommt, geht zuerst. Ich sehe keine großen Entlassungen für das nächste und übernächste Jahr. Unsere Industrie im Hochstift produziert ja nicht nur für den Weltmarkt. Und alle anderen Bereiche – öffentlicher Dienst, Handwerk, Hotel und Gaststättengewerbe sowie Gesundheit – sehe ich weiterhin sehr stark. Und ich sehe auch nicht, dass alles durch Maschinen ersetzt wird.

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