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Alexandra Jordan aus Paderborn übersetzt Bücher über die virtuelle Realität und die Welt der Computerspiele

„Ich war das wandelnde Wörterbuch“

Paderborn

„Ich bin der Nerd vom Dienst“, sagt Alexandra Jordan und wirbt mit dieser Formulierung auch um Aufträge. Die 28-jährige Paderbornerin übersetzt Romane, in denen es um virtuelle Realität und die Welt der Computerspiele geht, vom Englischen ins Deutsche.

Dietmar Kemper

Alexandra Jordan hält den von ihr übersetzten Roman „88 Namen“ in Händen. Foto: Dietmar Kemper

Dasselbe macht Alexandra Jordan auch mit den Texten für PC- und Videospiele. Während bei Büchern von Übersetzung gesprochen wird, heißt das Gegenstück bei Spielen Lokalisation. „Übersetzen ist der tollste Job der Welt“, schwärmt die junge Frau, die gerade erst den Roman „88 Namen“ des Schriftstellers Matt Ruff (55) ins Deutsche übertragen hat.

Der Amerikaner wurde bei uns vor allem durch den Roman „Ich und die Anderen“ über Menschen mit multipler Persönlichkeit bekannt. „Als ich mit „88 Namen“ fertig war, war ich traurig: 320 Seiten lang verbringt man mit Freunden, du gibst den Figuren deine Stimme und man fiebert mit ihnen mit“, macht Alexandra Jordan deutlich, dass sie in Büchern nicht nur eine Abfolge von Buchstaben sieht.

Jeder Übersetzer habe ein Fachgebiet, erzählt sie. Bei der Übersetzung von Büchern wie „88 Namen“ komme es darauf an, Laien nicht zu über- und die Gamerszene nicht zu unterfordern. Was aus dem Sprachjargon muss erklärt, was kann vorausgesetzt werden? Weiß jeder, dass „flamen“ übel beleidigen bedeutet, dass ein DPS-Charakter (Damage per Second) fragil ist und über nur wenig Lebenspunkte verfügt und dass Dungeons Level sind, durch die man mit einer Gruppe läuft und dabei gegen Zwischen- und Endbosse kämpft?

Gleichzeitig muss Alexandra Jordan dafür sorgen, dass sich das Buch flüssig liest und darauf achten, dass sie die Integrität des Textes wahrt. Sie stehe im Dienst an ihm und der Leser, betont die freiberufliche Übersetzerin. Man müsse nicht Wort für Wort übertragen, sondern den Sinn.

Übersetzerinnen wie sie stehen vor der Frage, ob sie das Publikum zum Text oder den Text zum Publikum bringen. In „88 Namen“ werde eine ganz spezielle US-amerikanische Eisenbahnlinie erwähnt. Auf sie könne man in der Übersetzung verzichten, um so den Lesern den Zugang zu vereinfachen, also den Text zum Leser zu bringen, sagt sie.

In „88 Namen“ geht es aber nicht um Eisenbahnen, sondern um den Fremdenführer in Online-Rollenspielen John Chu. Irgendwann begegnet er einem mysteriösen Jemand, der alles über die Welt der Spiele wissen will. Wer wissen will, wie es weitergeht, kann sich das Buch im Verlag Fischer Tor für 16,99 Euro kaufen.

Dass solche Bücher und Videospiele viele Abnehmer finden, kann Alexandra Jordan nachempfinden: „Computerspiele sind ein identitätsformendes Medium. Man spiegelt sich und seine Individualität an den Charakteren.“ Wo habe man schon die Möglichkeit, eine andere Identität anzunehmen, als Frau einen Mann zu spielen und umgekehrt? PC- und Videospiele vermittelten auch nützliche Werte wie Loyalität zu Familie und Freunden oder Zielstrebigkeit. Zudem lasse sich mit ihnen lernen, Konflikte zu managen und Frustration auszuhalten, glaubt Alexandra Jordan, die selbst Rollenspiele liebt.

Dass sie einmal Übersetzerin werden würde, kommt nicht überraschend. „Ich war das wandelnde Wörterbuch“, erinnert sie sich an ihre Zeit im Paderborner Michaels-Gymnasium und an den Englisch-Leistungskurs. Mit zehn weiteren Schülerinnen erarbeitete sie damals den Film „Nothing is what it seems like“, mit dem die Gruppe beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen in Wiesbaden 2009 erfolgreich war. Das Drehbuch führten die Schülerinnen als Theaterstück auf und durften anschließend sogar nach London reisen. Dort hätten Shakespeare-Schauspieler den Deutschen Tipps zur richtigen Aussprache und Bühnenpräsenz gegeben, erinnert sich Alexandra Jordan noch gern daran.

Nach dem Abitur absolvierte sie in Germersheim den Bachelorstudiengang Sprache, Kultur und Translation für die Fächer Englisch und Italienisch. Es schloss sich in Düsseldorf der Master im Studiengang „Literatur übersetzen“ an, den sie 2020 abschloss. Statt selber Bücher zu schreiben, übersetzt sie lieber. „Ich habe mich für einen Job in der zweiten Reihe entschieden“, sagt sie, um gleichzeitig zuzugeben, dass sie es gern sähe, wenn bei einer Buchbesprechung öfter der Name des Übersetzers oder der Übersetzerin genannt würde. Die 28-Jährige liebt die Herausforderung, die in einem auf Englisch geschriebenen Buch geschilderten Emotionen so ins Deutsche zu übertragen, dass sie genauso intensiv rüberkommen. Ihren Arbeitsplatz hat sie in Langerwehe im Kreis Düren.

Homeoffice praktizierte Alexandra Jordan schon immer, „durch Corona hat sich für mich nichts geändert“. Arbeit hat sie nach eigenen Angaben genug, zumal die Corona-Pandemie den Menschen mehr Zeit zum Lesen verschafft hat. Aktuell übersetzt Alexandra Jordan mit zwei Kollegen „Ready Player Two“ von Ernest Cline. „Sprache ist was Wunderbares“, schwärmt die Paderbornerin, zu der potenzielle Kunden über www.jordan-translations.de Kontakt aufnehmen können.

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