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Paderborns HNF-Geschäftsführer Jochen Viehoff legt einen Fotokalender über das Tanztheater von Pina Bausch vor

Im Rhythmus mit dem Wal

Paderborn

„Pina Bausch war unglaublich wählerisch, was die Bilder anging“, erzählt Jochen Viehoff. Wenn der Fuß einer Tänzerin ein bisschen zu weit abgewinkelt war, habe die Grande Dame des modernen deutschen Tanztheaters das Bild abgelehnt.

Dietmar Kemper

Das Foto zeigt die Inszenierung „Ten Chi“ mit der Tänzerin Regina Advento. Der Kalender über das Tanztheater Pina Bausch kann im Buchhandel unter der Nummer 978-3-96535-061-8 bestellt werden. Er kostet 16,95 Euro. Foto: Jochen Viehoff

„Pina Bausch war eine Perfektionistin und gleichzeitig ein sehr zurückhaltender Mensch“, erinnert sich Jochen Viehoff an die 2009 gestorbene Ikone, die gesagt hatte: „Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.“

Der Geschäftsführer des Heinz-Nixdorf-Museumsforums interessiert sich nicht nur für Computer. Jochen Viehoff ist ein leidenschaftlicher Fotograf und liebt es zum Beispiel, auf der Aussichtsplattform des Viaduktes in Altenbeken zu stehen und Züge mit seinen Nikon-Kameras im Bild festzuhalten. Noch lieber aber holt er die Tänzerinnen des Theaters in Wuppertal mit seinem Teleobjektiv nah an sich heran und fängt ihre eleganten und bisweilen artistischen Bewegungen ein. Gerade ist sein Kalender „Tanztheater Wuppertal Pina Bausch 2021“ in einer Auflage von 500 Stück im Klaes-Regio-Fotoverlag in Wermelskirchen erschienen.

„Die Fotos sind in den letzten vier Jahren entstanden“, erläutert Jochen Viehoff. Sie erzählen von zwölf außergewöhnlichen Aufführungen, von Klassikern, wieder ins Programm aufgenommenen und auch neueren Stücken. Viehoffs Lieblingsbild ist das Februarmotiv, das seine „Lieblingssängerin“ Regina Advento neben einer aus der Bühne herausragenden Walflosse in der Inszenierung „Ten Chi“ zeigt. Tiere spielten in den Stücken von Pina Bausch immer wieder eine Rolle, sie sprach nicht nur das Auge an, sondern ließ die Zuschauer auch mitriechen, wenn zum Beispiel feuchte Erde die Bühne bedeckte. „Uns war schnell klar, das ist Weltkultur“, erinnert sich Jochen Viehoff an die Zeit, als der gebürtige Wuppertaler als Student regelmäßig die Tanztheaterstücke verfolgte. „Wenn man aus einem Stück herausging, war man auf besondere Weise berührt“, schwärmt er.

Jochen Viehoff, Geschäftsführer des Heinz-Nixdorf-Museumsforums und leidenschaftlicher Fotograf. Foto: Oliver Schwabe

Zum Fotografen des Ensembles wurde er durch Zufall. 1997, als das Internet aufkam, entschied sich das Theater dazu, eine Homepage aufzubauen. Weil sich aber die Hausfotografen weigerten, für das neue Medium ihre Bilder herzugeben, brachte ein Bekannter den Namen Jochen Viehoff ins Spiel. „Ich bin dann extra mit dem Nachtzug aus Italien zurückgekehrt“, erinnert sich der 52-Jährige. Die anderen Fotografen hätten die Sorge gehabt, dass sie nicht mehr nachvollziehen könnten, was im Internet mit ihren Fotos passiert, erzählt er. Und so habe er die Chance genutzt.

Das erste Stück, bei dem er zum Einsatz kam, war der „Fensterputzer“. Jochen Viehoff begleitete 1997 die Generalprobe. Daraus wurde dann immer mehr: Er gestaltete zum Beispiel das Titelplakat der Pina-Bausch-Ausstellung 2016 in Bonn und den Bildband zum 25. Geburtstag der Tanzkompagnie 1998 mit mehr als 400 Künstlern aus 31 Ländern. Der neue Kalender bezeugt sein Talent, besondere Momente und Bewegungen auf der Tanzbühne zu erkennen und festzuhalten.

Jochen Viehoff fotografiert aber nicht nur, er denkt auch darüber nach, was die Digitalisierung mit der Fotografie macht. „Digitalfotografie hat die Welt auf den Kopf gestellt, weil jetzt jeder fotografiert und seine Bilder der ganzen Welt zeigen kann“, betont er. Die Sozialen Medien und die Smartphones mit ihren hochwertigen Kameras hätten eine Bilderflut ausgelöst und einfachen Menschen politischen Einfluss verschafft, sagt Jochen Viehoff: „Fotos von Gewaltaktionen sind sofort zu sehen, jeder Polizist, der bei einer Demo jemanden wegschubst, ist medial festgehalten. Die Medienhoheit der staatlichen Institutionen ist aufgeweicht.“ Der HNF-Geschäftsführer kündigte einen neuen Ausstellungsbereich Digitalfotografie an, der voraussichtlich 2022 eingeweiht wird.

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