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Evangelische Kirchenkreis Paderborn: Superintendent Volker Neuhoff wünscht mehr Weihnachtsmomente im Alltag

„Impfstoff wird die Welt nicht heil machen“

Paderborn

Volker Neuhoff, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn, hat in seiner Weihnachtspredigt betont, wie das Coronavirus und die Folgen der Pandemie den Menschen aufs Gemüt schlagen. Das Virus zeige uns, wie verletzlich wir seien. Zugleich sei die Ahnung da, „dass kein Impfstoff dieser Welt die existenziellen Fragen, die die Pandemie aufwirft, lösen wird“. Er werde Menschen helfen, nicht krank zu werden. Aber er werde die Welt nicht heil machen.

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Superintendent Volker Neuhoff Foto:

„Sohn Gottes in der Höh, / nach dir ist mir so weh. / Tröst mir mein Gemüte, / o Kindlein zart und rein, / durch alle deine Güte, / o liebstes Jesulein. / Zieh mich hin zu dir, / zieh mich hin zu dir“: Diese Strophe aus dem Kirchenlied „In dulci jubilo“ stellte Neuhoff in den Mittelpunkt seiner Predigt. Coronabedingt fand in der Paderborner Abdinghofkirche kein Präsenzgottesdienst statt. Die Feier wurde auf dem YouTube-Kanal des Abdinghofbezirks der Evangelisch-Lutherischen-Kirchengemeinde Paderborn übertragen.

„Der Text könnte eine Auffrischung vertragen, veraltet jedoch kommt mir der Inhalt des Liedes keineswegs vor“, sagte der Superintendent laut einer Mitteilung. „Tröst mir mein Gemüte“ – dieser Wunsch erscheine auch heute zutreffend: „Denn das Coronavirus und seine Folgen gehen ans Gemüt. Wir blicken auf Inzidenzwerte, hören Berichte von Pflegern und Ärztinnen über Schwerstkranke und Sterbende und vom drohenden Kollaps der Krankenhäuser. So vieles wird abgesagt und verschoben, verboten und empfohlen. Selbst zu Weihnachten.“ Mindestens schränke Corona die eigene Freiheit zur Bewegung und Begegnung ein, im Äußersten könne es töten. Das schlage aufs Gemüt.

„Denen, die das alles an sich herankommen und nicht an Aluhut oder Unverfrorenheit abprallen lassen oder mit absurden Verschwörungsfantasien wegpolemisieren, setzt es zu“, sagte Neuhoff. Das Virus zeige uns, wie verletzlich wir seien. Wir würden zurückgeworfen auf grundlegende menschliche Verhaltensweisen, die „zwischen gemeinschaftlichem und asozialem Verhalten, zwischen Unsicherheit und Aggression changieren. Bei Querdenkern und bei Nachdenkerinnen“.

Corona lasse uns spüren: „Das grenzenlose Alles-ist-möglich und Ich-will-alles-und-zwar-sofort erlebt ein Herunterfahren ungeahnten Ausmaßes. Wo liegt die Grenze der Reduktion auf das Wesentliche? Birgt sie gar eine Chance?“ Tief im Inneren sei die Ahnung da, „dass kein Impfstoff dieser Welt die existenziellen Fragen, die die Pandemie aufwirft, lösen wird“. Er werde Menschen helfen, nicht krank zu werden. Aber er werde die Welt nicht heil machen. „Corona hat zugespitzt, was längst da war“, stellte der Superintendent fest und nannte die schon vor Corona tagtägliche Bedrohung von Millionen von Menschen durch Krieg, Flucht, Hunger und Klimaveränderung.

Die hoch emotionalisierte Stimmung zu Weihnachten trage „Züge von einem Schutzmechanismus und zugleich von einer tiefen Sehnsucht“: „Wir wünschten, es wäre mit einem Mal alles in Ordnung. Weihnachten muss einfach gut werden! Wir wollen Ruhe und Frieden und unsere Lieben sehen.“ Die Sehnsucht nach Veränderung zum Guten entdeckte Superintendent Neuhoff in jenem alten Lied aus dem 14. Jahrhundert „In dulci jubilo“. Statt „nach dir ist mir so weh“ werde heute vielleicht gesagt oder gedacht „Ich brauche dich“, „Hilfe!“ oder „Gott, wo bist du?“

Dieses Sehnen und Flehen finde eine Resonanz in dem symbolischen Weihnachtsfest und der biblischen Botschaft von der Geburt Jesu. Die Menge der himmlischen Heerscharen, die Engel, seien einzeln verteilt auch über das Jahr und an vielen Orten erfahrbar, um von Gott anzukündigen: „Fürchtet euch nicht!“ und „Euch ist heute der Heiland geboren“ und „Friede sei mit euch“.

Die weihnachtliche Geburt wolle uns aus der Trostlosigkeit herausreißen. Unsere Sehnsucht habe eine Perspektive – in der Geburt des Gottessohnes und „durch alle seine Güte“. Gott bleibe nicht auf Abstand. Komme uns nahe. Hinein in die Krankheit und Verlorenheit unserer Welt. „Das beginnt mit dem neugeborenen Kind, dem Christkind. Jesus Christus zieht unser beschwertes Gemüt aus der Tiefe empor, tröstet, wo wir nach Trost suchen“, sagte Neuhoff.

Zu Weihnachten gehe es zuallererst um unsere Gottesbeziehung. „Das Ich und Du zwischen Gott und Mensch überträgt sich dann in unser Leben. Es weitet unseren Blick. Wenn wir uns nicht distanzieren von den Freuden und Sorgen und Nöten der Welt um uns herum, dann wird Weihnachten – auch mitten im Jahr und nicht allein an einem symbolischen Datum. Solche Weihnachtsmomente waren auch in den letzten Monaten zu entdecken. Wir brauchen mehr davon“, darauf hoffe der Superintendent. Er wünschte den Menschen Trost und Stärkung durch Gottes Nähe und Güte.

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