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Wolfgang Rittmeier war 1951 beim Hochziehen der Paderborner Glocken dabei

In Zeitlupe himmelwärts

Paderborn (WB). Muskelkraft, Ausdauer, Schweiß: Nur so konnten vor 67 Jahren die neuen Glocken in den Paderborner Dom gezogen werden. Es waren sechs an der Zahl, pro Tag schaffte man eine. Mit dabei war damals der Paderborner Wolfgang Rittmeier. Er hat den Einsatz sogar fotografiert.

Ingo Schmitz

Im Zusammenhang mit der aktuellen Ergänzung des Paderborner Dom-Geläuts sind jetzt Dokumente aus alter Zeit aufgetaucht. Bei Hartmann International in Paderborn sind derzeit die neuen Glocken (Foto) zwischengelagert, bis sie am Dienstag in den Dom-Turm per Schwerlastkran hochgezogen werden. Am Freitag überreichte Geschäftsführerin Sabine Hartmann an Domprobst Monsignore Joachim Göbel Dokumente, die 131 Jahre alt sind. Seniorchef Rolf Hartmann hatte im Archiv entdeckt, dass die Hartmann Umzugsspedition bereits damals mit einem Glockentransport des Doms betraut wurde. Beginnend mit einem Aufstellplan der sechs Glocken belegen die Dokumente einen detaillierten Ablaufplan. Die Ankunft der Glocken wurde für den 7. März 1887 erwartet. Foto: Jörn Hannemann

»Ich war damals 19 Jahre alt und machte eine Maurerlehre. Ich war ein junger Kerl, gut trainiert. Trotzdem: Abends spürte man seine Knochen«, berichtet der Senior mit seinen heute 88 Jahren.

Den Zweiten Weltkrieg, die Bombardierung Paderborns, die Zerstörung seines Elternhauses am Busdorfwall und des Doms sind ihm sehr präsent. Als es an den Wiederaufbau des Paderborner Wahrzeichens ging, war er mit dabei. »Ich wollte studieren, brauchte aber vorher eine Ausbildung. Auf dem Bau wurden Leute gesucht«, erzählt Rittmeier.

Damals habe er auf der Dombaustelle fast ein ganzes Jahr lang mitgearbeitet. Es habe dort vor Leuten gewimmelt, ganz anders als heute, wo Maschinen die Arbeit erleichtern, meint der Senior. Er sei dabei gewesen, als die sechs Stahlglocken – die schwerste wiegt fünf Tonnen – vom damaligen Erzbischof Lorenz Kardinal Jaeger geweiht wurden. Und er packte kräftig mit an, als es darum ging, die Kolosse nach oben in den Turm zu ziehen.

Jede Glocke wurde einzeln an ein Stahlseil gehängt und nach oben befördert. Maschinen? Fehlanzeige! »Vier Mann standen an der Seilwinde vor der Kaiserpfalz. Wir haben die Kurbel gedreht. Dann hieß es immer: ›Und noch einen Schlag!‹ Zentimeter für Zentimeter bewegten sich die Glocken in Zeitlupe himmelwärts. Alle zwei Stunden wurden die Männer abgelöst. Pro Tag haben wir eine Glocke geschafft. Nach einer Woche waren wir dann endlich fertig und erleichtert.«

Damals wie heute mussten die Glocken durch ein Fenster der Außenmauer, das extra dafür vergrößert wurde, in den Turm gezogen werden. Und die Arbeitssicherheit? Die Männer standen auf hölzernen Baugerüsten: »Da staune ich noch heute drüber, dass dabei nichts passiert ist«, meint Wolfgang Rittmeier rückblickend.

Zuschauer habe es kaum gegeben. »Die Paderborner waren traumatisiert vom Krieg und hatten etwas anderes zu tun. Sie waren mit dem Aufbau beschäftigt«. sagt der 88-Jährige. Schon damals sorgte der Maurerlehrling dafür, dass das historische Ereignis nicht in Vergessenheit geriet. In seinen Arbeitspausen kletterte auf die Gerüste und machte von dort aus sensationelle Bilder mit dem Fotoapparat seines Vaters. »Die Bilder hat mir der damalige Dompropst für fünf Mark abgekauft«, erzählt Rittmeier stolz.

Auch am Dienstag, 13 Uhr, will er mit dabei sein, wenn es mit den neuen Glocken himmelwärts geht – Daumen drücken, damit es auch diesmal keinen Zwischenfall gibt.

Die alten Glocken

Das aktuelle Geläut besteht aus insgesamt acht Glocken. Sechs davon sind aus dem Jahre 1951, zwei stammen aus dem Jahr 1984. Das Besondere an den Glocken aus den 50er Jahren ist, dass sie als das erste Domgeläut aus Gussstahl in Europa gelten. Die größte Glocke trägt den Namen Liborius, hat einen Durchmesser von 2,36 Meter und wiegt 4,7 Tonnen.

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