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Das Paderborner Original

Jubiläum: Erwin Grosche steht seit 50 Jahren auf der Bühne

Paderborn

Wenn Padermann, Nadermann und Drewermann an einem Tisch sitzen, hat Erwin Grosche sie dort platziert. Er hat mit Gott eine Matratze gekauft, Torten getestet, das Rosentor als meditativen Ort der Entschleunigung gewürdigt und statt fernöstliche kapitalistisch-westliche  Weisheiten formuliert wie „Der Porschefahrer bekommt auch keinen Parkplatz, nur schneller“.

Erwin Grosche steht seit 50 Jahren auf der Bühne. Er wundert sich, dass er das überlebt hat. Zu seinen Lieblingsorten in Paderborn gehört das Café Röhren. Foto: Jörn Hannemann

2023 feiert Erwin Grosche sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. In der Zeit sind mehr als 100 Bücher erschienen, 50 LPs und CDs, mehr als ein halbes Dutzend Filme wie zum Beispiel „Verzeih“ zusammen mit seinen Kindern und natürlich zahlreiche Bühnenprogramme. Im Jubiläumsjahr verbindet er Neues und Altes in seinem Programm „Die Follkommenheit – wie der Vehler in die Welt kam“. 

Kindliche Neugierde

Schon als Kind habe er  Kinderlieder geschrieben, erzählt er, sein erstes Gedicht „Oh dieser Wind“ sei 1969 in der Kirchenzeitung „Der Dom“ abgedruckt worden.  Grosche ist der Meinung, dass ein guter Text für die Kleinen auch ein guter für die Großen sei. Die kindliche Neugier befeuert er in seinen Büchern und sie hat er sich auch selbst erhalten. Kleine Dinge wie abgelaufene Butter sind nicht zu unscheinbar, als dass er ihnen nicht neue Facetten abgewinnen könnte, Grosche schreibt Hymnen über den Apfelkuchen in Weyhers Biergarten, hört den Glocken des Paderborner Domes genau zu und meint dort die Melodie von Deep Purples „Smoke on the Water“ wiederzuerkennen. Das Politikgeschäft ist ihm einerseits zu grob, Themen wie Solidarität und Teilen sind ihm aber andererseits wichtig und so kanzelt er nicht Politiker ab, sondern spricht  über Brot.

Der in Anröchte geborene Sohn eines Bäckers hat Ikonen der Wortkunst wie Hanns Dieter Hüsch, den er als Seelenverwandten ansah,  kennengelernt, viele Städte im In- und Ausland  und  viele kleine Garderoben. „Wir mussten uns oft in Getränkelagern umziehen und ich habe dann meinen Begleitern immer gesagt 'Ich hole uns hier raus'. Aber mit der Zeit wollte ich das gar nicht mehr, ich wollte mit Menschen zusammenarbeiten, die ein Theater mit Herzblut führen“, erzählt Grosche. Nicht ohne Grund wurde das Amalthea zu der „Bühne, mit der ich mich identifiziere“.  Nicht zufällig endet seine Stadtführung dort, und Grosche sagt dann: „Hier spielen die berühmtesten Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die niemand kennt.“

Auftritte haben nicht nur Gagen und Applaus zur Folge. Nach den Dreharbeiten zu dem Film „Blinde Leidenschaft“ (1988) mit  Leslie Malton, die zum Teil in Italien stattfanden, wurde er zum Weintrinker.  Zum Dauerbrenner auf den Bühnen  wäre er nicht ohne seinen Bruder Heiko  geworden. „Ich bin da nur, weil mein Bruder Heiko auf der Bühne stand. Ich hatte so immer mit Theater zu tun, ohne mich dafür entschieden zu haben.“ Allein präsentierte er 1980 auf der Bühne der Kammerspiele seine LP „Kleine Könige“. Er sei als Liedermacher angefangen, habe dann aber bei der Präsentation gemerkt, dass die launigen Texte dazwischen ihm und dem Publikum fast noch mehr gefallen hätten.

2013 drehte Erwin Grosche in Paderborn seinen Film „Verzeih – der große Entschuldigungsfilm“. Häufiger als vor der Kamera stand er auf den Kleinkunstbühnen.  Foto: Jörn Hannemann

Abgesehen von einem Intermezzo als Moderator der Quizsendung „Stadt, Land, Fluß“ im Saarländischen Rundfunk wurden die Kleinkunstbühnen mehr und mehr zu seiner zweiten Heimat. Das Lampenfieber ist bis heute geblieben. „Nach sieben Minuten auf der Bühne weiß man, wie der Abend wird“, hat Grosche festgestellt. Und vor diesen sieben Minuten habe er einen Mordsrespekt.

Vor dem Auftritt putzt er sich die Zähne

Aufgrund unterschiedlicher Traditionen und Erwartungen an Kleinkunst gebe es Städte wie Heidelberg, Tübingen, Mainz und Paderborn und Länder wie die Schweiz, wo  seine von Skurrilität und Poesie geprägte Art der Kleinkunst funktioniere, und es gebe andere Städte wie zum Beispiel Erlangen, da funktioniere sie nicht.  Das Zähneputzen vor dem Auftritt ist eines von Grosches Ritualen, früher hat er den ganzen Tag nichts gegessen. Grosche geht immer mit sauberer Kleidung auf die Bühne und betont: „Ich werde ein Anderer, zu einer Figur und bin dadurch nicht verletzbar.“

Projekte im Jubiläumsjahr

Der Mensch Grosche ist authentisch, seine Kunst schlicht und einfach – Ergebnis dessen, dass ihn das Schreiben von Kinderbüchern geprägt hat. Zu seiner eigenen Überraschung wurden seine Bücher mit Gebeten für Jungen und Mädchen  Bestseller. Bescheidenheit kennzeichnet Grosche und ist auch ein wiederkehrendes Motiv in seinen Programmen. Veranstalter Carsten Hormes, der so viele Künstler auf die Bühne gebracht hat, sagt, dass in deren Kreis gerne mal über andere gelästert werde, aber nicht über Grosche: „Egal wo ich war, Erwin ist einer der wenigen, über den niemand abschätzig gesprochen hat.“

Wenn Vögel zu Fuß gehen

Hormes kennt Grosche seit 40 Jahren. Das hat ungeahnte Folgen: Wenn er die Spülmaschine ausräumt, geht ihm Grosches „Und Löffel zu Löffel ins Löffelfach“ durch den Kopf. Und nicht vergessen hat er den gemeinsamen Besuch im Eiscafé, als Alltagsphilosoph Grosche plötzlich feststellte: „Kurze Strecken gehen Vögel zu Fuß“.

Die Corona-Jahre bezeichnet der 67-Jährige als die sonderbarsten von allen. Aber es gehöre zur Kleinkunst, irgendwie durchzukommen. „Ich habe nicht das meiste Publikum, aber die, die kommen, lieben, was ich mache. Eine Frau hat mir jedes Jahr einen Stollen geschickt“, sagt der Träger des Deutschen Kleinkunstpreises (1999) und das Paderborner Urgestein („Ich bin freiwillig hier“). Viele Jahre will er nicht mehr auf der Bühne stehen. Grosche gibt zu, manchmal würde er gern die Rollläden schließen und sich die Bettdecke über die Ohren ziehen.

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