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Großdemo der Bauern mit 300 Traktoren in Paderborn – Mit Video

Landwirte besetzen Westerntor

Paderborn (WB). So eine Demonstration hat Paderborn lange nicht mehr erlebt. Mit 300 Traktoren haben Landwirte am Dienstagmorgen den Verkehrsknotenpunkt Westerntor lahmgelegt. Weil die Demo nicht angemeldet war, ermittelt die Polizei wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht.

Dietmar Kemper

Die Strategie geht auf: Am Westerntor erregen die jungen Landwirte große Aufmerksamkeit. Auf Transparenten werfen sie Politikern und Verbrauchern Ignoranz vor. Foto: Oliver Schwabe

Ab 11 Uhr ging am Westerntor nichts mehr, es kam zu längeren Staus. Von allen Seiten waren etwa 600 Landwirte und Angehörige aus den Kreisen Paderborn, Höxter, Gütersloh, Lippe und aus Nordhessen mit ihren Traktoren auf das Nadelöhr zugefahren. Damit demonstrierten sie gegen die aus ihrer Sicht existenzbedrohenden Entscheidungen der Politik und mahnten mehr Anerkennung für den »wichtigsten Beruf der Erde« an. Einer der Organisatoren, Markus Blome aus Delbrück, sagte dem WV: »Die Auflagen haben ein Ausmaß angenommen, das nicht mehr akzeptabel ist.« Die verschärfte Düngeverordnung sorge beispielsweise dafür, »dass wir 20 Prozent unserer Pflanzen nicht versorgen sollen, das ist praxisfern und unwissenschaftlich«.

Wie berichtet, will die Große Koalition die Nitratbelastung im Grundwasser durch Dünger ver­ringern, um eine Geldstrafe der EU zu verhindern. Anstatt lokale Abwassernetze und Kläranlagen stärker in den Blick zu nehmen, werde der Schwarze Peter den Landwirten zugeschoben, obwohl dank moderner Technik die Nitratkonzentration im Grundwasser »stark rückläufig« sei, argumentierten die Bauern in Paderborn.

Kreuze vor die Traktoren montiert

Vor allem Junglandwirte hatten sich auf den Weg gemacht und vor ihre Traktoren Kreuze als Symbol für das Höfesterben und Transparente montiert. »Ist der Bauer ruiniert, wird das Essen importiert« oder »Wir haben schon genug (Agrar-)Pakete zu tragen« war dort zu lesen. Den Politikern warfen die Demonstranten Ignoranz vor: »Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser.«

Die Demonstration sei durch Mund-zu-Mund-Propaganda zustande gekommen, sagte Schweinemäster Blome und sprach von einem großen Erfolg: »Eine solche Solidarisierung unter Landwirten hat es noch nicht gegeben.«

NGOs wird »Bauernbashing« vorgeworfen

In einer Erklärung lehnen die Bauern das im September vom Bundeslandwirtschafts- und dem Umweltministerium beschlossene Agrarpaket ab, weil es die Produktion erschwere, einschränke und teils unmöglich mache. Sie wollen auch das Mercosur-Handelsabkommen nicht, weil dadurch heimische Betriebe durch Billigware aus Südamerika gefährdet würden. Den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wird »Bauernbashing« durch angeblich permanente Stimmungsmache und gezielte Fehlinformationen vorgeworfen. Teile von ihnen brächen in Ställe ein und unternähmen Anschläge auf Betriebe und Familien.

Für die Zukunft sehen Junglandwirte schwarz. Tobias Peitzmeier, der in Ostenland einen Milchviehbetrieb führt, sagte: »Der Beruf an sich ist schön, aber nicht mehr zukunftsträchtig. Durch die Auflagen wird alles teurer, und ich kann ja nicht für lau arbeiten.«

Demo geht um 16.10 Uhr zu Ende

Bei der Polizei beschwerten sich laut einem Sprecher zehn Bürger darüber, dass sie Umwege in Kauf nehmen mussten. Gegen etwa 13 Uhr war das Westerntor wieder über die Bahnhofstraße, den Le-Mans-Wall und die Borchener Straße befahrbar, musste aber gegen 15 Uhr erneut gesperrt werden, als die Teilnehmer mit ihren Traktoren zur Abschlusskundgebung in Richtung George-Marshall-Ring aufbrachen. Die Demo endete um 16.10 Uhr auf einer Wiese. Weil sie nicht angemeldet gewesen sei, werde jetzt gegen die Verantwortlichen ermittelt, so der Polizeisprecher.

Einige Passanten stärkten den Landwirten den Rücken. Sie hätten schon früher »auf die Barrikaden gehen« sollen, sagte der Rentner Werner Schrecker (65) aus Schloß Neuhaus. Die Bauern dürften den Preiskampf zum Beispiel bei Milch nicht mehr mitmachen. Es lohne sich finanziell mehr, Flächen für Windräder zu verpachten als Kühe zu melken. Bei allem Verständnis für ihre Nöte sollten Landwirte aber auf den Einsatz von Glyphosat verzichten, meint Schrecker. Und was die Nitratbelastung angehe, bereite ihm zum Beispiel die Pader bereits Sorgen.

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