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Die schillernden Gäste der Paderborner Fürstbischöfe

Leibniz musste im Wirtshaus schlafen

Paderborn-Schloß ...

Der Universalgelehrte machte im Mai 1681 dem Fürstbischof seine Aufwartung. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war sicherlich der berühmteste Gast im Schloss Neuhaus.

Dietmar Kemper

Lars Wolfram (links) und Andreas Neuwöhner haben das Buch über das Leben am Hofe herausgegeben. Foto: Oliver Schwabe

Dort übernachten durfte er aber nicht, stattdessen musste er im Wirtshaus schlafen. Bildungsadel ist eben nicht echter Adel! Auf einer Stufe mit Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg (1626-1683) stand Leibniz nicht, und bevor er ihn treffen konnte, musste er sich mit wohlgesetzten Worten um die Huld des Fürstbischofs bemühen.

„Um das Fallgitter des Schlosses zu öffnen und durch das Nadelöhr des Torhauses zu gelangen, eignete sich in kunstvolle Verse gekleidetes Herrscherlob offenbar am besten“, schreibt Lars Wolfram in seinem Beitrag über den Besuch des Gelehrten. Der Aufsatz ist Teil des gerade im Schöningh-Verlag erschienenen Buches „Leben am Hof zu Neuhaus“, das der Leiter des Residenzmuseums Andreas Neuwöhner und der Mittelalterhistoriker der Uni Paderborn Lars Wolfram herausgegeben haben.

Im Mittelpunkt des Buches stehen diesmal nicht die Fürstbischöfe, sondern deren Besucher: Gelehrte, Architekten, Maler, Musiker – Personen also, „die aus der ersten Reihe der Aufmerksamkeit gefallen sind“, wie es Lars Wolfram ausdrückt. Wer das Buch liest, erfährt, dass das höfische Leben im Schloss in Neuhaus natürlich nicht mit dem in Versailles vergleichbar, aber doch bedeutsam war. An­dreas Neuwöhner betont: „Bislang galt Neuhaus als kleine Residenz, als provinzielles Nest, weit entfernt von den Zentren. Aber es war eine europäische Residenz mit vielen Beziehungen nach Rom, Frankreich und Norddeutschland. Neuhaus war in das Netzwerk der europäischen Höfe eingebunden.“

War die Residenz der Paderborner Fürstbischöfe im Mittelalter eher wie ein Wirtschaftsbetrieb, wie ein Gutshof, blühte im 17. und 18. Jahrhundert speziell unter Clemens August von Bayern (1700-1761) das Hofleben. Davon zeugt ein Kupferstich von Johann Conrad Schlauen aus dem Jahr 1736, der das Feuerwerk zum Abschluss der achttägigen Libori-Festwoche zeigt. „Wenn Clemens August nach Neuhaus kam, kam er mit 200 bis 300 Leuten und die Residenz blühte auf“, weiß Andreas Neuwöhner.

Ein höfisches Festmahl um 1620, gemalt von einem niederländischen Meister. Foto: Oliver Schwabe

Bis zu 80 Bedienstete kümmerten sich im Schloss um ihn, seine Entourage, das Domkapitel und die fürstlichen Räte. Man lustwandelte im Park, ging auf die Jagd, spielte Karten oder Schach, hörte Musik oder Gedichte. Der Hof aß jede Menge Fleisch, schlürfte Austern und genoss die Orangen und Zitronen aus der eigens angelegten Plantage. Es habe sogar öffentliche Mahlzeiten gegeben, bei denen die städtische Oberschicht dem Fürstbischof beim Essen zuschauen durfte, berichtet Andreas Neuwöhner.

Im Schloss konnten die Herrscher über das Paderborner Land ihren Status dokumentieren, standesgemäß andere Fürsten und politische Delegationen empfangen. Das Schloss war zudem ein Heiratsmarkt für den umliegenden Adel. Den Vorwurf, es habe sich um Prunksucht gehandelt, lässt Lars Wolfram nicht automatisch gelten: „Zum Fürstsein gehörte der Aufwand dazu.“ Zu den illustren Gästen In Neuhaus zählte zweifellos Agostino Steffani, der 1654 geborene Italiener, der zum gefeierten Opernkomponisten aufstieg, als Gesandter des bayerischen Kurfürsten wirkte, am Hof in Hannover als Apostolischer Vikar und unter dem Paderborner Fürstbischof Franz Arnold von Wolff-Metternich (1658-1718) zur Gracht ab 1710 schließlich als Weihbischof in Erscheinung trat. Allein neun Personen umfasste Steffanis Gefolge. 1728 starb er, und Lars Wolfram sagt bewundernd über ihn: „Er hat ein sehr abwechslungsreiches, schillerndes, weit gereistes Leben geführt. Er hat alle Mächtigen, von Ludwig XIV. bis zum Papst, getroffen.“

Keine guten Erinnerungen verband Fürstabt Christoph von Brambach mit dem Schloss in Neuhaus. Er wurde Opfer eines politischen Machtkampfes. Der Fürstbischof von Paderborn und Kurfürst von Köln, Ferdinand von Bayern (1577-1650), wollte die Fürstabtei Corvey in seine Hand bekommen und ließ deren Abt Christoph von Brambach absetzen. 1624 wurde der nach Neuhaus gebracht und eingekerkert. 1625 gelang ihm die Flucht nach Hessen, und am kaiserlichen Hof schaffte er es schließlich, seine Rückkehr nach Corvey als Fürstabt zu erzwingen.

Von Frauen im Hochstift Paderborn als geistlichem Staat war noch gar nicht die Rede. Aber auch sie gab es – allerdings nur im Schatten des Hofes. Fürstbischof Clemens August hatte mit Mechthild Brion eine Mä­tresse und mit Anna Maria von Löwenfeld eine illegitim geborene Tochter. Die heiratete, diesmal standesgemäß, Franz Ludwig, Graf von Holnstein. Im Adelspalais Holnstein in München, dem heutigen Erzbischöflichen Palais, residiert Kardinal Reinhard Marx, den man in Paderborn noch bestens kennt. So schließt sich der Kreis.

Das Buch „Leben am Hof zu Neuhaus: biographische Skizzen zur Hofkultur einer fürstbischöflichen Residenz“ ist im Schöningh-Verlag erschienen, hat die ISBN-Nummer 978-3-506-70442-9, umfasst 311 Seiten und kostet 24,90 Euro. Es ist Teil der Reihe „Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte“.

Das Portal der Adelsfamilie von Fürstenberg am Schloss in Neuhaus. Foto: Oliver Schwabe
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