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Geschäftsführer Jürgen Behlke im Videointerview von RLS TV und dem WESTFÄLISCHEN VOLKSBLATT

​Lohnt sich die IHK für die Unternehmen?

Paderborn

Wer einen Gewerbebetrieb führt, kommt an der Industrie- und Handelskammer nicht vorbei. Immer wieder wird diese Pflichtmitgliedschaft kritisiert. Was sagt IHK-Geschäftsführer Jürgen Behlke dazu? Wie bewertet er die Corona-Politik der Regierung? Und welche Konjunkturentwicklung erwartet er für die kommenden Monate? Behlke hat sich den Fragen von RLS TV und dem WESTFÄLISCHEN VOLKSBLATT gestellt. Das Video ist ab sofort online.

Von Ingo Schmitz

Jürgen Behlke, IHK-Geschäftsführer im Hochstift (von links), stellt sich den Fragen von WV-Redaktionsleiter Ingo Schmitz und Moderator Jürgen Lutter. Foto: RLS TV

In den Kreisen Paderborn und Höxter hat die IHK 30.000 Mitgliedsunternehmen, darunter viele Kleinunternehmen, aber immerhin auch 7000 größere Firmen. Als deren Interessenvertreter sieht Behlke bei den Corona-Maßnahmen Licht, aber auch Schatten, wie er Moderator Jürgen Lutter verrät. Der Staat habe viel unternommen, manche Maßnahme sei aber zu spät gekommen. Viele Unternehmen seien schlichtweg durchs Raster gefallen. Beispiel: Bei einem Umsatzeinbruch von weniger als 30 Prozent habe es „null Hilfe“ gegeben, obwohl der Lockdown staatlich angeordnet worden sei. Die 30-Prozent-Grenze hätte man fallen lassen müssen, sagt Behlke. Auch der Umgang mit den Unternehmergehältern sei unbefriedigend und habe manche Betroffene zum Job-Center getrieben.

Die aktuelle Stimmung sei durchwachsen. „Im Frühjahr 2020 gab es einen brutalen Absturz der Konjunktur. Die aktuellen Perspektiven sind positiv. Aber: Gastronomie, Hotellerie und Reiseveranstalter liegen zum Teil noch am Boden“, sagt Behlke.

Das VOLKSBLATT hat bei Gewerbetreibenden nachgefragt, wie sie die IHK bewerten. Dietmar Knust, Unternehmer aus Paderborn, kritisiert die „IHK-Zwangsabgabe“. Behlke fremdelt mit dem Begriff. „Es ist eine Pflichtmitgliedschaft“, stellt er klar. Die Pflichtmitgliedschaft habe große Vorteile, wie er sagt. Das Bundesverfassungsgericht habe das im vergangenen Jahr festgestellt. Gerade kleinere Unternehmen hätten auf diese Weise die Möglichkeit, sich mit starker Stimme am Wirtschaftsgeschehen zu beteiligen.

„Wir wissen, nicht jeder ist mit der Situation glücklich. Das gilt zum Beispiel für Photovoltaikbesitzer, die ab einer gewissen Größenordnung, bei uns Mitglied sind, obwohl wir für die nicht viel leisten können. So ist aber das Gesetz. Grundsätzlich stimmt aber das Leistungspaket“, sagt Behlke.

Einer der Vorteile sei die komplette Ausbildungsorganisation samt Prüfungen. Wenn man die Kosten gegenrechnen würde, decke sich das im Schnitt mit dem kompletten IHK-Beitrag, macht der IHK-Geschäftsführer deutlich.

Unternehmer Rudolf Broer (RTB in Bad Lippspringe) lobt in diesem Zusammenhang, dass sich die IHK im Bereich Ausbildung stark engagiere. Allerdings fordert er die IHK auf, sich intensiver dem Bereich der schwächeren Auszubildenden zu widmen. Diese müssten speziell geschult werden, damit sie später ein Einkommen erreichen, das ihnen Altersarmut erspare.

Juwelier Raphael Schäfers fordert, dass sich die IHK stärker zu Wort meldet, wenn es um die Erreichbarkeit der Innenstädte mit dem Auto gehe. Auch günstige Parkgebühren hält Schäfers für notwendig. „Wir sitzen in den Gremien und ich habe das Gefühl, dass wir die einzigen sind, die dafür kämpfen“, sagt auch Behlke. „Innenstädte sollen autofrei werden“, laute aber der aktuelle Trend. Angesichts der ländlichen Strukturen im Hochstift sei es allerdings völlig unmöglich, alles mit dem ÖPNV zu regeln. Es müsse ein Kompromiss mit dem Ziel gefunden werden, den Individualverkehr nicht aus den Städten auszuschließen.

Unternehmer Dietmar Knust bemängelt unter anderem, dass sich die IHK nicht genug bei den Mitgliedsbetrieben vor Ort blicken lasse. Angesichts der 30.000 Mitgliedsbetriebe sei es angesichts der Personaldecke bei der IHK maximal alle zehn Jahre möglich jeden Betrieb aufzusuchen, rechnet Behlke vor.

Über RLS TV

Moderator Jürgen Lutter nimmt die IHK-Kampagne „Heimatshoppen“ kritisch unter die Lupe: „Kann man mit dem Verteilen von Gummibärchen und Aufklebern die Städte füllen?“ Behlke: „Wir wollen mit der Aktion das Bewusstsein bei den Menschen verändern, die in der Pandemie viel auf der Couch eingekauft haben.“

Die Aussichten der Wirtschaft für den Herbst und Winter seien gut, stellt er fest. „Das ist mehr als ein Licht am Ende des Tunnels. Wir sehen da sogar einen großen Strahler. Aber es gibt eine Menge Risiken. Dazu gehört auch das Wahler­gebnis.“

rls-tv.de

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