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Weißer Ring hilft Opfern von Straftaten

»Mord ist zum Glück selten«

Paderborn (WB). »Ich bring Dich um!« In panischer Angst vor ihrem Ex-Lebensgefährten wendet sich eine Frau aus Paderborn an die Opferschutzorganisation Weißer Ring. Die Mitarbeiterin handelt sofort und bringt die Frau samt Tochter und Mutter in einer Pension unter.

Ingo Schmitz

Ruth Stöpper arbeitet seit 36 Jahren für den Weißen Ring. Foto: Ingo Schmitz

»In solch brenzligen Situationen steigt auch bei mir der Adrenalinspiegel«, erzählt Ruth Stöpper. Seit 36 Jahren ist die Paderbornerin für den Weißen Ring aktiv, die meisten Jahre als Leiterin der Außenstelle Paderborn. Der bundesweite Verein, der sich für die Opfer von Gewalttaten einsetzt, hat im Kreis Paderborn viel zu tun. Missbrauch, Körperverletzungen, Stalking, Einbruch und Betrug: Wer beim Weißen Ring arbeitet, hat oft mit den dunklen Seiten des Lebens zu tun, die den Opfern schwer zu schaffen machen. Pro Jahr bearbeiten die drei ehrenamtlichen Mitarbeiter etwa 50 Fälle. Aktuell kümmern sich neben Ruth Stöpper auch Thomas Bongartz (Delbrück) und Dorothea As (Paderborn) darum, dass Opfer zu ihrem Recht kommen.

»Die sehr persönliche Unterstützung der Betroffenen empfinde ich als sehr befriedigend«, sagt Ruth Stöpper über ihre Motivation. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung weiß sie, wieviel Überwindung es manche Opfer kostet, mit der Polizei oder dem Weißen Ring zu reden.

Schon 46 Opfer im Jahr 2018 betreut

Dennoch müsse der Erstkontakt immer vom Betroffenen ausgehen, erklärt sie. »Wir melden uns nicht bei Opfern«, sagt sie. Es gebe aber eine gute Zusammenarbeit mit dem Opferschutzbeauftragten bei der Polizei, der über die Möglichkeiten des Vereins informiere. Bis jetzt hätten sich im laufenden Jahr 46 Opfer beim Weißen Ring gemeldet. »Nun kommen noch der November und der Dezember dazu«, sagt sie – wohlwissend, dass in der dunklen Jahreszeit die Straftaten zunehmen.

Die Familie sei der gefährlichste Ort, meint sie. Auffällig seien im Kreis Paderborn der Bereich sexuelle Gewalt und Missbrauch. Körperverletzungen und häusliche Gewalt – übrigens auch gegen Männer – würden oft registriert. Das ziehe sich durch alle Schichten. »Mord kommt zum Glück seltener vor. Aber das sind die Fälle, die besonders in Erinnerung bleiben und einen selbst belasten«, berichtet sie. Gleich zu Beginn ihrer Arbeit beim Weißen Ring sei sie mit einem Mordfall konfrontiert worden. Damals habe ein Mann seine Frau umgebracht. Die drei gemeinsamen Kinder kamen zu den Eltern der Getöteten. Und als diese ihr ein Foto der Frau zeigten, war ihr schnell klar: »Es handelte sich um eine ehemalige Schulkollegin. Ich war erschüttert, wie nah man plötzlich an so einem Fall dran sein kann.«

Selbst bestohlen worden

Auch sie selbst sei mal Opfer geworden: Ausgerechnet während eines Seminars beim Weißen Ring in Mainz habe ihr ein Unbekannter beim Frühstück im Hotel die Handtasche gestohlen. Zum Glück habe sie die wichtigen Papiere und Schlüssel sehr schnell zurück erhalten. Doch das Geld war weg.

Um Geld geht es auch in einem anderen Fall, den sie jüngst betreut hat: Eine Frau aus der Region war auf eine Bekanntschaftsanzeige herein gefallen. Mit miesen Methoden habe der Mann die Gutgläubigkeit der Frau ausgenutzt und ihr 40.000 Euro abgeluchst. »Den Schaden können wir der Frau nicht ersetzen. Ihr tat aber das Gespräch gut. Sie wird vermutlich ihre Wohnung nicht mehr halten können. Falls sie umziehen muss, könnte der Weiße Ring wohl einen Teil der Kosten übernehmen«, erzählt Ruth Stöpper. Beim Stichwort Umzug fällt ihr auch noch der Fall einer 25-Jährigen ein, die nach einem Einbruch umgezogen war. Und prompt sei erneut jemand bei ihr eingestiegen. »Diesmal hat sie den Täter sogar gesehen. Die Frau war außer sich vor Angst«, weiß Ruth Stöpper. In solchen Fällen vermittle der Weiße Ring professionelle Hilfe. Sie stehe im engen Kontakt mit Traumatherapeuten.

Hilfe in finanzieller Not

In echter finanzieller Not befand sich im vergangenen Jahr eine Mutter mit drei Kindern, deren Mann wegen sexuellen Missbrauchs ins Gefängnis kam. »Weil das Konto leer war, drohte der Stromanbieter damit, drei Tage vor Weihnachten die Leitung zu kappen. Auch die Heizung hätte dann nicht mehr funktioniert. Mit einer kurzfristigen Finanzspritze konnte der Weiße Ring das abwenden«, erläutert die Außenstellenleiterin die Möglichkeiten.

»Ich selbst bin sehr viel vorsichtiger geworden, achte auf die Menschen in meiner Umgebung, wie sie sich verhalten und äußern. Grundsätzlich gilt aber für alle Menschen: Sie haben das Recht unbeschadet durch das Leben zu gehen. Schuld an einer Straftat hat immer der Täter.«

Mitarbeiter gesucht

Gegründet wurde der Weiße Ring 1976 von Eduard Zimmermann, dem Verbrecherjäger der ZDF-Sendung »Aktenzeichen XY... ungelöst«. In den Anfangsjahren gab es große Regionalverbände, das Hochstift und der Hochsauerlandkreis gehörten zunächst zusammen. Ruth Stöpper leitet die Außenstelle Paderborn seit 30 Jahren. Zudem ist sie stellvertretende Landesvorsitzende und Mitglied des Fachbeirates Aus- und Weiterbildung. Als Referentin schult die pensionierte Lehrerin die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Der Weiße Ring sucht Verstärkung. Informationen unter 05251/370987; Mail: [email protected]

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