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Zeitzeugenberichte aus Paderborn sollen Geschichtsunterricht lebendig machen

Nazis in der Paderstadt: Ein Buch gegen das Vergessen

Paderborn

„Das haben die Menschen erlebt, das kann man nicht leugnen“, betont Jonas Hofmann-Eifler. Mit vier weiteren ehemaligen Schülern des Gymnasiums Theodorianum hat er eine Neuauflage des Buches „...Das müssen Sie mir alles aufschreiben – Paderborner Zeitzeugen berichten 1933-1948“ angestoßen.

Dietmar Kemper

Die Nazis demonstrieren ihre Macht im katholischen Paderborn: Das Foto zeigt einen Aufmarsch auf dem Maspernplatz mit Gauleiter Meyer. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn

Das Buch sei als „soziales Bildungsprojekt“ gedacht und solle Rechtspopulismus und Revisionismus entgegenwirken, betont Hofmann-Eifler: „Als die AfD aufkam, habe ich gesagt, wir müssen wieder was mit dem Buch machen.“

Zielgruppe der in einer Stückzahl von 1000 Exemplaren erschienenen Neuauflage sind alle weiterführenden Schulen im Kreis Paderborn. Durch die Berichte von Zeitzeugen, die auch in einer digitalen Version vorliegen, werde der Geschichtsunterricht viel lebendiger, sind Jonas Hofmann-Eifler und seine Mitherausgeber Dominik und Volker Gehling, Holger Nickel und Christopher Rüther überzeugt.

Als Schüler, vereint in der Arbeitsgemeinschaft Zeitzeugen des Theodorianums, hatten sie seit Ende 2000 Männer und Frauen gesucht und interviewt, die über die dramatischen Jahre von der Machtergreifung der Nazis 1933 bis zum Wiederaufbau inmitten der Trümmerberge berichten konnten. Authentische Erinnerungen zu hören und zu lesen fülle nüchterne Daten mit Leben, glauben sie.

Eine Hakenkreuzflagge weht während einer Feier auf dem Marktplatz. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn

Als Titel für ihr Buch wählte das Quintett die Aufforderung von Lorenz Kardinal Jaeger an den Zeitzeugen Hermann Bieker: „Mein lieber Freund, das müssen Sie mir alles aufschreiben!“ Dem Wunsch kam Bieker 1948 mit dem Werk „Die brennende Stadt“ nach. Das Buch der geschichtsinteressierten ehemaligen Gymnasiasten erschien erstmals im Sommer 2005 im Paderborner Schöningh-Verlag. Als Zeitpunkt für die Neuauflage wählten die Herausgeber den 75. Jahrestag des Kriegsendes 2020. Diesmal ist das Buch im Shaker Media-Verlag erhältlich (ISBN: 978-3-95631-820-7, Preis: 14,90 Euro).

Das Bildungsprojekt wurde durch Spenden finanziert. Die Bürgerstiftung stellte 2500 Euro, die Sparkasse Paderborn 1000, der Kreis Paderborn ebenfalls 1000, der Lionsclub Drei Hasen 500 und die Volksbank 250 Euro zur Verfügung. Die Herausgeber ihrerseits steuerten 500 Euro bei. Sie betonen, das Buch solle ein Beitrag gegen Antisemitismus, die Relativierung des Holocaust und gegen jede Form von Extremismus und Gewalt sein. Die Schüler wiederum wollen sie dazu animieren, sich für die Menschenwürde, den Rechtsstaat und die Demokratie einzusetzen.

Von einer Schlussstrichmentalität nach dem Motto, der Nationalsozialismus liege lange zurück, hält Jonas Hofmann-Eifler nichts: „Man muss es immer wieder auf den Tisch bringen, keine Gesellschaft ist vor einem Rechtsruck gefeit.“ Seit 2005 seien viele der Zeitzeugen gestorben, an ihre Erlebnisse zu erinnern, schulde man ihnen.

Die Einnahmen aus dem Buchverkauf fließen in das Schulpatenprojekt Frei Alberto des Theodorianums. In der Schule in São Luís im Nordosten Brasiliens kümmern sich die Franziskaner um Straßenkinder und geben ihnen durch Bildung eine Perspektive. Seit 1993 sammelt das Theodorianum, zum Beispiel am Schuhputzstand zu Libori, Geld für die Patenschule. Wenn es die Corona-Situation zulässt, soll das Buch der Öffentlichkeit in Form einer Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen im Rathaus vorgestellt werden. Jonas Hofmann-Eifler peilt dafür einen Termin im Frühsommer an. Die fünf ehemaligen Schüler halten nach wie vor Kontakt; Jonas Hofmann-Eifler selbst lebt nicht mehr in Paderborn, ihn hat es als Hausarzt nach Landau in die Südpfalz verschlagen.

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