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Leben nach dem Krieg in Paderborn

Neubeginn in der zerstörten Stadt

Paderborn (WB). In diesen Wochen hat sich die bedingungslose Kapitulation von Nazi-Deutschland vor 75 Jahren am 7. Mai 1945 gejährt, am 8. Mai 1945 um 23 Uhr trat sie in Kraft. Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges waren damit auch in Paderborn beendet.

Markus Runte

Blick durch die Grube auf den zerstörten Domturm, rechts der Turm der Gaukirche 1945/46. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn/Kurt Zecher

Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt bis zu 85 Prozent zerstört. Mit dem letzten Angriff vom 27. März 1945 hatte sich Paderborn in ein Trümmerfeld und Flammenmeer verwandelt, in der Innenstadt war kaum ein Haus mehr bewohnbar. Eine Paderbornerin schilderte ihre Eindrücke zum letzten Luftangriff: „Trümmerhaufen, wohin man schaute, brennende Häuser, verzweifelt gestikulierende Menschen. Der Dom, das Wahrzeichen unserer Stadt, brannte wie eine riesige Fackel.“

Nach dem Ende der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges lag nahezu die gesamte Altstadt Paderborns in Trümmern. Viele Paderborner, die bereits nach den ersten schweren Luftangriffen im Januar des Jahres 1945 aufs Land geflüchtet waren, kehrten in ihre schwer beschädigten Häuser zurück, nun war man vorrangig mit Fragen der Nahrungs-und Brennstoffbeschaffung und der notdürftigen Instandsetzung des Wohnraumes beschäftigt. Die Bevölkerung lebte behelfsmäßig in den ersten Wochen nach dem Krieg in zerstörten und beschädigten Häusern, Wohnungen, Kellern oder Baracken, es fehlte an Lebensmitteln, Bekleidung und Medikamenten. Die ärztliche Versorgung konnte nur notdürftig aufrechterhalten werden. Hunger bestimmte den Alltag. Die Paderborner versuchten in dieser Situation, durch Tauschgeschäfte das Lebensnotwendigste zu beschaffen. Neben der Lebensmittel- und Wohnungsnot stellte die Brennstoffversorgung eines der größten Alltagsprobleme dar. Noch vorhandene Lebensmittel wurden rationiert und konnten nur über Lebensmittelkarten bezogen werden. Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser lagen in Trümmern, ebenso waren Wasser-, Elektrizitäts- und Gasversorgung zerstört. Die größte Schwierigkeit beim Wiederaufbau bestand darin, die Trümmer zu beseitigen. Um die Aufräumarbeiten schnell voranzutreiben, wurden Trümmerbahnen eingesetzt, mit denen der Schutt aus der Stadt heraustransportiert werden konnte.

Britische Besatzung

Noch bevor die amerikanischen Kampftruppen Schloss Neuhaus einschließlich Sennelager vollständig eingenommen hatten, nahm die britische Militärregierung am 3. April 1945 ihre Arbeit in Paderborn auf.

Ein wichtigstes Ziel der britischen Militärregierung war ein sofortiger Wiederaufbau von Wirtschaft, Verkehr und Verwaltung, um so die elementare Versorgung der Paderborner Bevölkerung wiederherzustellen.

Hier geht der Blick vom Generalvikariat über den Domplatz auf das Haus Filter, Am Bogen Nr. 2, später Sitz des Landgerichts. Im Hintergrund ist der Turm der Busdorfkirche zu sehen. Die Aufnahme entstand um 1945. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn

Politische Tätigkeit wurde offiziell nicht zugelassen. Es erfolgte die Kontrolle der deutschen Bevölkerung nach dem Prinzip der „indirecte rule“ aus der britischen Kolonialtradition: Die Militärregierung wollte nicht selbst die Verwaltungsangelegenheiten erledigen, sondern sich auf eine deutsche Auftragsverwaltung stützen, indem sie mit der Einsetzung einer von Nationalsozialisten gesäuberten Stadtverwaltung unter Führung einer akzeptablen Persönlichkeit plante. In Paderborn erhielt zunächst Domvikar Kaspar Schulte den Auftrag, die Stadtverwaltung wiederaufzubauen. In Schulte sahen die Engländer eine Vertrauensperson, die durch ihre Tätigkeit als Geistlicher und Mitarbeiter der katholischen Arbeiterbewegung völlig unvorbelastet war. Bereits 1936 hatte Schulte sich zur Glaubenspropaganda der Nationalsozialisten geäußert und gesagt, dass das kirchliche Verständnis von Heldentum sich auf Märtyrer und Heilige und nicht auf idealisierte Kämpfer der staatlichen Propaganda bezieht.

Rechtsanwalt Heinrich Zacharias wurde erster kommissarischer Bürgermeister von Paderborn (6.4.-10.5.1945). Ihm folgten Jurist Norbert Fischer (10.5. 1945 bis 10.1.1946) und Christoph Tölle (14.1.1946-20.3.1968). Vornehmliche Aufgabe waren die Wiederherstellung einer funktionierenden Stadtverwaltung und der Wiederaufbau Paderborns.

Kein Wiederaufbau, sondern ein Neuaufbau

Durch die starke Zerstörung der Innenstadt lag eine grundlegende Umgestaltung nahe. Die Umlegungspläne entstanden nach dem Grundsatz einer verkehrsgerechten Stadt. Im Januar 1947 zeigte sich, dass teilweise kein Wiederaufbau, sondern ein Neuaufbau durchgeführt werden musste. Es gab Konflikte um den Wiederaufbau der Innenstadt, da moderne stadtplanerische Gesichtspunkte im Widerspruch zur Forderung nach dem Erhalt des historischen Stadtbildes standen. Reste von historischen Gebäuden konnten teilweise aufgrund der starken Zerstörung nicht erhalten werden. Zentrale Plätze wie der Dom- und Marienplatz sowie das Paderquellgebiet erhielten ein verändertes Aussehen. Erst 1949 war die Enttrümmerung der Stadt so weit fortgeschritten, dass die Trümmerbahnen nicht mehr benötigt wurden. Bis in die 60er Jahre hinein fanden sich noch immer kleinere Trümmer- und Schuttmengen im Stadtgebiet.

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