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Wie eine ukrainische Familie dank einer Gemeinschaftsaktion eine Wohnung bekam

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Paderborn

Aus dem engen Flüchtlingscontainer in eine 85 Quadratmeter große Wohnung: Die fünfköpfige Familie Badyrov aus der zerstörten ukrainischen Großstadt Charkiw ist glücklich. Möglich gemacht hat das eine vorbildliche Gemeinschaftsaktion aus Privatleuten, CDU, Caritas und der Tafel.

Von Dietmar Kemper

In einer Gemeinschaftsaktion gelang es Ferrat Özdemir, Thorsten Jakobsmeyer, Franz-Josef Kaiser, Christian Rörig und Erika Kaiser (von links), einer ukrainischen Flüchtlingsfamilie eine Wohnung zu besorgen. Foto: Dietmar Kemper

„Heue Nacht kommt irgendwann eine ukrainische Familie in Elsen an, besorg Essen und Trinken“, bat der Vorsitzende des Freundeskreises Przemysl, Janusz Bugaj, seine Stellvertreterin Erika Kaiser. Ihr Mann Franz-Josef und sie legten sich ins Zeug und tun das bis heute. Am 2. März um 23.45 Uhr strandete die Familie Badyrov in Elsen. „Die waren total verunsichert“, erinnert sich Franz-Josef Kaiser.

Der Krieg in der Ukraine hatte am 24. Februar mit dem Einmarsch russischer Soldaten begonnen, die Familie aus Charkiw gehörte zu den ersten Flüchtlingen überhaupt. Sie war mit einem Kleinbus an die polnische Grenze gefahren, und von dort ging es für Nizami Badyrov (55), Fizza Ismayilova (42)  und die drei Töchter Sevinch (15), Sevil (12) und Zeinab (9) weiter nach Deutschland.

Nachbar hört vertraute Worte

In Elsen erwartete sie die Containersiedlung an der Paderborner Straße mit eingeschweißten Säcken mit Bettzeug, Messern und Gabeln. Mit im Gepäck hatten sie Sorgen und Sprachprobleme. Die Kaisers trieben Dolmetscher und Dolmetscherinnen auf, und dann kam ihnen der Zufall zu Hilfe. Nachbar Ferrat Özdemir  stellte plötzlich fest: „Ich kann die ja verstehen. Die sprechen türkisch.“ Die muslimischen Badyrovs waren aus Aserbaidschan in die Ukraine gekommen, und Ferrat Özdemir seinerseits war 1972 im Alter von sechs Monaten mit seinem Vater, der sich als „Gastarbeiter“ anwerben ließ,   vom Schwarzen Meer nach Paderborn gelangt.

Ferrat Özdemir richtete der aus der Ukraine geflüchteten Familie einen Telefonanschluss ein, sorgte für einen Fernseher und beseitigte Probleme mit dem Internet. Dabei erfuhr er von den  Badyrovs, warum sie  das Land verlassen hatten: „Auf einmal kamen die Bomben, wir haben zerstörte Häuser gesehen und gedacht, wir müssen hier weg.“

Die ukrainische Familie Badyrov im Container in Elsen. Das Foto stammt vom 3. März 2022. Eine Rückkehr nach Charkiw plant die Familie derzeit nicht.  Foto: privat

Plötzlich Mädchen für alles

In der Ukraine hatte der Vater nach eigenen Angaben ein Busunternehmen geleitet. In Deutschland kam die Familie mit wenigen Habseligkeiten an. „Die Frauen brauchten Unterwäsche, Schuhe. Ich habe mich an die Caritas gewandt, die schnell bereit war zu helfen. Und die Paderborner Tafel gab mir Verpflegung für eine ganze Woche mit“, erzählt Franz-Josef Kaiser, der mit 76 Jahren buchstäblich über Nacht zum Mädchen für alles wurde.

Kontoauszüge kopieren, scannen und mailen

Weil die Paderborner Stadtverwaltung in den ersten Tagen überfordert gewesen sei, „hing das Ganze jetzt an mir“, erinnert er sich. Er kümmerte sich um Corona-Selbsttests und Masken, um die amtliche Übersetzung der Heiratsurkunde, stellte  Anträge für Kindergeld und Sozialleistungen, schaffte es, dass die Mädchen in die Gesamt- beziehungsweise Grundschule Elsen aufgenommen wurden. Bis heute sammelt er Kontoauszüge, kopiert,  scannt und mailt sie dem Jobcenter, das das ALG II auszahlt.

CDU-Parteifreunde helfen bei Wohnungssuche

Dann kam ein weiteres Problem hinzu. Der Familie wurde angekündigt, sie müsse bis zum 30. August den Container verlassen. Franz-Josef Kaiser, Mitglied der Seniorenunion, begann, eine Wohnung zu suchen und wandte sich an seine Parteifreunde in Elsen, Christian Rörig und Thorsten Jakobsmeyer. Ratsherr Rörig schlug vor, die Instagram-Accounts der Partei und von Vorstandsmitgliedern zu nutzen. Mit Erfolg. Ein Mann meldete sich, der bereit war, die noch voll möblierte Wohnung seiner Mutter zu vermieten. „Ende September haben die Badyrovs die Wohnung übernommen“, stellt Franz-Josef Kaiser mit Genugtuung fest. Und Christian Rörig beschreibt das Wesen der erfolgreichen Gemeinschaftsaktion so: „Hier haben viele Hände mitgeholfen und etwas erreicht.“

Die Badyrovs besuchen Deutschkurse und wollen nach eigenen Angaben nicht mehr in die Ukraine zurück. Das wird nicht allen Einheimischen gefallen. Ferrat Özdemir hört in diesen Tagen wiederholt, auch den Deutschen gehe es nicht gut und sie müssten jeden Cent umdrehen. Angesprochen auf Friedrich Merz' umstrittenen und von ihm später wieder zurückgenommenen Vorwurf, einige Ukrainer würden in Deutschland „Sozialtourismus“ betreiben, bedauert Franz-Josef Kaiser: „Merz sollte vorsichtiger sein, er schürt Zwietracht.“ Er stellte auch fest, dass einige Paderborner an der Not der Flüchtlinge noch verdienen wollten. Einige der angebotenen Wohnungen seien in einem katastrophalen Zustand gewesen.

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