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Ozeanschwimmer André Wiersig aus Paderborn will von St. Peter-Ording nach Helgoland kraulen

„Nirgends kann man dem Meer näher sein“

Paderborn

Er schwimmt mit großer Leidenschaft dort, wo kein anderer Mensch auf diese Idee kommen würde. Nun hat der André Wiersig, der mit den Ocean‘s Seven als erster Deutscher die sieben anspruchsvollsten Meerengen der Welt durchschwommen hat, ein weiteres Ziel ins Visier genommen – und das liegt nicht in Japan, Neuseeland oder Hawaii, sondern quasi vor der Haustür.

Bearbeitet von Maike Stahl

Badehose, Badekappe und Schwimmbrille: Puristisch ist die Ausrüstung mit der André Wiersig zu seinen Schwimmabenteuern antritt. Foto: Copyright Dennis Daletzki

Wiersig will als erster Schwimmer vom Festland zur Hochseeinsel Helgoland kraulen. Damit wolle er sich einen langgehegten Traum erfüllen, erklärt der 49-jährige Paderborner. „Bei Helgoland kam mir immer dieser Gedanke: Kann man da hin schwimmen?“

Denn die 48,5 Kilometer von St. Peter-Ording bis zu einzigen deutschen Hochseeinsel bieten genau das, was den Ozeanschwimmer so fasziniert. „Weit draußen, wo man kein Land mehr sieht, bei meterhohen Wellen und Eiseskälte, den Strömungen ausgesetzt und in Begleitung aller Lebewesen, die dort zuhause sind, zu schwimmen – das ist meine große Passion,“ sagt er. 

Neben der langen Distanz und den Wassertemperaturen seien die starken Strömungen und Gezeiten der Nordsee die größte Herausforderung. „Mein Team sucht in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie nach einem passenden Zeitfenster, um Ende August oder Anfang September den Versuch zu starten.“ 

Die Idee, die Distanz nach Helgoland als Schwimmer zu überbrücken, entwickelte 1927 zuerst der Nordfriese Otto Kemmerich (1886-1952). Bis heute hat jedoch kein Schwimmer diese Strecke realisiert. Doch geht es Wiersig, der sich als Sprecher der Meere sieht, keineswegs um den Eintrag in die Rekordlisten. „Ich liebe das Meer und sehe mich als Teil davon“, sagt er. „Ich sehe meine Aufgabe darin, zu erzählen, wie es dort draußen ist.“

Wiersig schwimmt dabei nach den traditionellen Regeln der englischen Channel Swim Association (CSA), die seit 1927 das Ärmelkanalschwimmen organisiert. Demnach darf er lediglich Badehose und Schwimmbrille tragen und sich zu keiner Zeit an einem Boot festhalten oder Hilfe annehmen. Ein Offizieller an Bord des Begleitschiffes, das die Navigation sicherstellt, wird auf die Einhaltung achten. Eskortiert wird der Schwimmer außerdem von seinem Schwager Jürgen Peters, der ihm von einem Kajak hochkalorische Nahrung anreicht. Für die Sicherheit des Athleten sei gesorgt.

Gemeinsam mit seinem Partner hat Wiersig als erster Deutscher und 16. Mensch die Ocean’s Seven komplettiert. Diese anspruchsvollste Herausforderung des Freiwasserschwimmens orientiert sich an den Seven Summits im Extrem-Bergsteigen. Nach der erfolgreichen Querung des Ärmelkanals (2014) durchschwamm Wiersig auch den 42 Kilometer breiten Kaiwi-Channel vor Hawaii (2015), den kalten North Channel vor Schottland (2016), den Catalina-Channel vor Los Angeles (2017), die stürmische Tsugaru-Straße in Japan (2018) und schließlich auch die stürmische Cook Strait in Neuseeland und die Straße von Gibraltar (2019). „Nachts allein im Ozean“ heißt das Buch, in dem André Wiersig seine außergewöhnlichen Abenteuer schildert.

Sämtliche Meerengen im ersten Versuch

Sämtliche Meerengen meisterte Wiersig im ersten Versuch – als bisher einziger aller 21 Ocean’s Seven-Finisher. Doch auch diese Bestleistung war nicht sein ursprüngliches Vorhaben. Ihn zieht es aus anderen Gründen hinaus: „Nirgends kann man den Meeren näher sein als dort, weit draußen, nur in Badehose und Schwimmbrille, puristisch“ sagt der Botschafter der deutschen Meeresstiftung. „Wo Jahrmillionen alte Gesetze gelten, bin ich gerne zu Gast.“ Auf dem Weg nach Helgoland wird das vom Start am breiten Sandstrand von St. Peter-Ording an für mindestens zwölf Stunden sein. 

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