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Interview mit Christiane Boschin-Heinz, Leiterin der städtischen Stabsstelle Digitalisierung

»Paderborn hat eine digitale Zukunft«

Paderborn (WB). Digitale Heimat will Paderborn für seine Bürger sein. Doch während die Möglichkeiten der Digitalisierung die einen elektrisieren, betrachten die anderen mit Sorge die Risiken und manche wissen gar nicht, was ihnen das sagen soll. Christiane Boschin-Heinz, Leiterin der Stabsstelle Digitalisierung, gibt im Gespräch mit Maike Stahl Orientierung im Digi-Dschungel.

Christiane Boschin-Heinz leitet die Stabsstelle Digitalisierung bei der Stadt Paderborn. SIe sieht ihre Aufgabe vor allem darin, die richtigen Menschen zusammen zu bringen. Foto: Maike Stahl

Frau Boschin-Heinz, wie würden Sie Ihrer Mutter Ihre Arbeit erklären?

Christiane Boschin-Heinz: Meiner Mutter würde ich wohl sagen, dass ich den ganzen Tag telefoniere und E-Mails schreibe. Im Ernst: Ziel meiner Arbeit ist es, gemeinsam mit den vielen engagierten Akteuren aus der Stadtverwaltung und der gesamten Stadt zu erarbeiten und zu entscheiden, wo digitale Technologien sinnvoll eingesetzt werden, um die Lebensqualität der Menschen zu erhöhen. Bei aller Digitalisierungseuphorie geht es uns um Digitalisierung mit Augenmaß, nicht um ihrer selbst willen.

Ich bringe Menschen aus der Stadt zusammen, die Ideen zur Digitalisierung von Prozessen haben und Technologien entwickeln. Aufgabe der Stadt ist es, Möglichkeiten zum Austausch zu bieten, sich einen Überblick zu verschaffen, was in der Stadt im Bereich Digitalisierung passiert und die vielen Initiativen der Akteure in der Stadt zu koordinieren. Entscheidend sind dann natürlich nicht nur Fragen zu den Inhalten, sondern die technologischen Fragen, die Fragen nach Schnittstellen und nach offenen Systemen. Die Lösungen müssen ja kompatibel sein.

»Immer mehr Services weden komfortabler«

Es gibt in Paderborn eine rege IT-Szene. Kamen auch Ideen aus Bereichen, die sie überrascht haben?

Boschin-Heinz: Unsere Stadt ist sehr aktiv. Es gibt diese kurzen Wege und die gut funktionierenden Verbindungen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Stadt. Das ist großartig und macht unsere Stadt aus. Es gibt auch Initiativen aus Bereichen, deren Hauptgeschäft gerade nicht die Digitalisierung ist, wie dem Sport oder dem Theater.

Was ist für Sie persönlich im Alltag der größte Gewinn der Digitalisierung?

Boschin-Heinz: Wenn ich telefonisch nicht erreichbar bin, was leider oft vorkommt, dann bin ich es per Mail. Und wie praktisch ist es, dass ich Öffnungszeiten vom Schwimmbad, das Kinoprogramm, Veranstaltungen in Paderborn mit einem Klick finden kann.

Im Rahmen der Modellregion sind die ersten Projekte bereits gestartet, andere stehen kurz davor. Was wird für die Paderborner im Alltag besonders wahrnehmbar sein?

Boschin-Heinz: Sicherlich ist es das Digitale Bürgerbüro Paderborn, über das die Bürgerinnen und Bürger nach und nach immer mehr Dienste der Stadtverwaltung online nutzen. Wir werden nicht von heute auf morgen die digitale Verwaltung haben, denn im Hintergrund dieser scheinbar einfachen Prozesse ist viel zu tun, aber die Bürgerinnen und Bürger werden merken, wie immer mehr Services komfortabler werden.

Es gibt aber auch Projekte wie das Sicherheitsprojekt »Inspire«, welches die Bürgerinnen und Bürger nicht unmittelbar spüren, deren Erkenntnisse für sie aber einen großen Nutzen haben werden. Bei Großveranstaltungen wie Libori oder auch dem Asta-Festival können Verkehrsstrommessungen anonymisiert dabei unterstützen, Sicherheitslagen besser einschätzen zu können. Letztendlich geht es darum, den Experten alle nötigen Daten bereit zu stellen, damit sie schnell fundierte Entscheidungen treffen können.

»Förderprogramme allein reichen nicht aus«

Wie ist der Austausch zwischen den Modellregionen? Profitiert Paderborn auch von den anderen Projekten?

Boschin-Heinz: Die Zusammenarbeit zwischen den Modellregionen ist Grundlage des Förderprogramms des Ministeriums. Dadurch sind bereits Kooperationsprojekte entstanden, wie im Bereich Blockchain (Technologie zur sicheren Datenübertragung) von Aachen mit Paderborn und Gelsenkirchen. Paderborn ist Antragsteller in einem Projekt mit Gelsenkirchen und Wuppertal, in dem es um digitale Anwendungen für die 74 Gutachterausschüsse im Land geht.

Paderborn ist ziemlich weit im Vergleich zu den anderen Modellkommunen. Erste Projekte sind bewilligt, andere kurz davor. Wann werden Ergebnisse für die Bürger erlebbar?

Boschin-Heinz: Die meisten Projekte haben Laufzeiten von zwei bis drei Jahren, dennoch werden die Bürger den steigenden Fortschritt erleben können. Im Bereich der digitalen Verwaltung ist die Einrichtung des Bürgerportals für Anfang 2020 geplant, dann wird Service für Service entwickelt. Genauso ist das auch beim Open-Data-Projekt, bei welchem zunächst das Portal eingerichtet und dann immer mehr Daten zugänglich gemacht werden.

Es steht ein endliches Budget zu Verfügung? Was passiert, wenn es aufgebraucht ist?

Boschin-Heinz: Wir sind mit Land und Bund im Gespräch über alternative Förderzugänge. Es gibt derzeit zahlreiche Förderprogramme zur Digitalisierung. Man muss da das passende Programm mit dem passenden Projekt zusammenbringen. Aber Förderprogramme allein reichen dafür nicht aus. Die Stadt Paderborn hat immer schon in die IT investiert oder Geld für die Infrastruktur der Schulen (Lernstatt Projekt) in die Hand genommen. Das wird auch weiter der Fall sein.

»Wir müssen die Grenzen selbst setzen«

Welche Herausforderungen gilt es zu meistern?

Boschin-Heinz: Herausforderungen gibt es eine Menge, aber ohne sie wäre es vielleicht auch langweilig. Es ist eine besonders ernst zu nehmende Herausforderung der letzten und der nächsten Jahre, qualifiziertes Personal zu bekommen und in den Verwaltungen zu halten. Es gibt aber auch viele rechtliche Hürden, welche wir dem Ministerium mit Blick auf mögliche Entfesselungsinitiativen zurückmelden. In vielen Bereichen, und das ist für die Bürgerinnen und Bürger gar nicht so offensichtlich, ist es einfach nicht erlaubt, dass Ämter untereinander Daten austauschen.

Zum anderen darf man in dem Meer von Möglichkeiten das Ziel nicht aus den Augen verlieren, muss entscheiden, welche Prozesse möchte ich digitalisieren und welche gerade nicht. Einer der wohl wichtigsten Aspekte dabei ist es, alle Menschen, soweit das möglich ist, bei diesen großen anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen miteinzubeziehen. Mehr noch, Sie müssen auch mitreden können. Eine gute und sinnvolle Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger ist eine sehr große Herausforderung.

Als ich am Rande einer internationalen Tagung eine Skandinavierin fragte, warum die Skandinavier im Bereich der Digitalisierung weiter sind als wir Deutschen, sagte sie mir zwei Dinge: Wir erlauben uns, Fehler zu machen, und wir teilen Informationen und Erkenntnisse.

Wir haben viel über die Möglichkeiten der Digitalisierung gesprochen. Wo sind aus Ihrer Sicht deren Grenzen?

Boschin-Heinz: Digitalisierung scheint wirklich grenzenlos und so müssen wir die Grenzen selbst setzen, den Wandel gestalten. Wieviel Digitalisierung tut dem Menschen gut? Wo sind die Grenzen bei aller Digitalisierungseuphorie? Wie viele meiner Daten gebe ich von mir Preis, wieviel Freiheit gebe ich damit auf? Digitalisierung zielt immer auf eine Optimierung. In diesen Bereichen muss jeder für sich selbst entscheiden, wieviel Optimierung menschlich ist, wieviel Optimierung gut tut und wo Abgrenzung nötig ist. Aber wir stehen auch als Stadt in der Verantwortung, diesen digitalen Wandel unter allen Aspekten, nicht nur wirtschaftlichen und technologischen, sondern auch ethischen und sozialen zu betrachten. Für den Sommer planen wir eine Veranstaltung, einen Bürger-Digilog zum Thema »Arbeit 4.0«, in der wir mit den Bürgerinnen und Bürgern diese und andere Fragen aus dem veränderten Arbeitsleben diskutieren möchten.

»Paderborn hat eine digitale Zukunft«

Sie sprachen den Digilog an. Wie werden die Bürger in diesen Prozess eingebunden?

Boschin-Heinz: Wir planen Bürger-Digiloge, bei denen wir ins Gespräch kommen und mit der Stadtgesellschaft diskutieren wollen. Der erste findet am 21. Februar um 18 Uhr im HNF statt. Paderborner Projekte stellen sich vor und die Bürgerinnen und Bürger können ihre Fragen stellen und Anregungen geben. Aus diesem Format entwickeln wir eine Reihe zu konkreten Themen, wie Arbeit 4.0, Sicherheit, Handel.

Was verbinden Sie mit digitaler Heimat?

Boschin-Heinz: Heimat ist ein komplexer Begriff, ein sehr subjektiver und nicht immer ein einfacher. Digitale Heimat – dabei denke ich natürlich zunächst an den Computer-Pionier Heinz Nixdorf. Paderborn hat eine IT-Vergangenheit, aber eben auch eine IT-Zukunft, eine digitale Zukunft. Paderborn, davon bin ich überzeugt, kann beides: digitaler werden und trotzdem eine Heimat bleiben, wie wir sie uns wünschen.

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