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Pressekonferenz nach der Tornado-Katastrophe

„Paderborn ist entsetzt, schockiert und tief betroffen“

Paderborn

„Paderborn ist entsetzt, schockiert und tief betroffen.“ Mit diesen Worten eröffnete Paderborns Bürgermeister Michael Dreier am Samstag die gemeinsame Pressekonferenz nach der Tornado-Katastrophe vom Vorabend. Er ist fassungslos über das Ausmaß der Zerstörung, die der Tornado innerhalb wenigen Minuten angerichtet hat. Dreier berichtet: „Leider ist eine Person schwerstverletzt. Wir sind in Gedanken bei dieser Person und hoffen, dass sie schnell genesen wird.“

Von Ingo Schmitz

Äußerten sich in der Pressekonferenz zur Lage in Paderborn (von links): Ludger Schmidt (Leiter der Feuerwehr Paderborn), Ralf Schmitz (Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Paderborn), Bürgermeister Michael Dreier, Landrat Christoph Rüther, der Leitende Polizeidirektor Dr. Ulrich Ettler. Foto: Oliver Schwabe

Insgesamt gibt es nun 43 Verletzte, davon 13 schwer. „Wir wünschen allen gute Besserung. Ich sage aus tiefstem Herzen Dank an Feuerwehr, Polizei, THW und den weiteren Hilfsorganisationen. Insgesamt haben mehr als 400 Einsatzkräfte mehr als 200 Einsätze abgearbeitet. Es besteht Hilfsbereitschaft im hohen Maße.“

Dreier schildert, wie der Tornado seine Schneise der Verwüstung durch die Stadt genommen hat. Begonnen habe es im Bereich Riemekepark/Schulstraße. Im Riemekepark seien etliche Bäume wie Streichhölzer umgekippt und und zahllose Dächer abgedeckt worden.

„Danach ist der Tornado weiter zur Friedrichstraße/Königstraße, wo wir gerade die neue Zentralstation bauen. Dort wurden Ampeln wie Streichhölzer umgeknickt.“ Unweit davon wurde ein Bus von zwei Bäumen getroffen. Zum Glück wurde keine der sechs Insassen schwer verletzt, berichtet Feuerwehrchef Ralf Schmitz.

Fassungslos macht Dreier insbesondere auch die Zerstörung des Paderquellgebiets. Die Parkanlage sei de facto nicht mehr vorhanden. Im Umfeld wurden an den Häusern unzählige Scheiben und Dächer zerstört, so der Bürgermeister weiter. Zahlreiche Wohnungen seien nicht mehr bewohnbar. „Es ist unvorstellbar!“, sagt Dreier.

Im Ükern-Viertel im Bereich der Stadtbibliothek wurde ein riesiger Baum auf das Dach eines Mehrfamilenhauses geschleudert. Einige Meter weiter befindet sich das Hotel des Erzbistums, das Liborianum, das kürzlich für mehrere Millionen Euro saniert wurde. Hier wurde das Dachabgedeckt. Dachpfannen schlugen in Hausfassaden ein und blieben im Putz stecken. Dreier selbst besichtigte danach mit Feuerwehrchef Ralf Schmitz den Bereich Benhauser Straße.

Nach Angaben des Bürgermeisters wurden in einem Korridor von 300 Meter breite zig Häuser zerstört. Besonders schwer getroffen hat es das Gewerbegebiet im Dörenpark. Zahlreiche Betriebe sind komplett zerstört, sagte Dreier. Hier sei die Wirtschaftsförderung im Einsatz, um den Firmen nach Möglichkeit Ausweichquartiere anzubieten, damit diese weiter arbeiten können.

Doch der Tornado war noch nicht am Ende und nahm seinen Weg weiter nach Benhausen: Auch dort gab es starke Verwüstungen. Hier wurde ein Feuerwehr-Fahrzeug von einem Baum getroffen. „Beide Insassen wurden zum Glück nicht verletzt“, sagte Dreier.

Nachdem der Busverkehr am Freitag eingestellt worden war, wurde er am Samstag wieder aufgenommen. Allerdings habe der Krisenstab beschlossen, dass der Tag des Sports am Sonntag nicht stattfindet. Auch die Kirmes Luna-Park bleibt an diesem Samstag geschlossen. Am Samstagnachmittag wird der Krisenstab die Schulen und Kitas in Augenschein nehmen. „Wenn notwendig, werden wir sie schließen“, sagte Dreier.

Ministerpräsident Hendrik Wüst und Innenminister Herbert Reul haben sich für Samstagnachmittag angekündigt, um sich ein Bild der Katastrophe zu machen.

Der Paderborner Bürgerschützenverein (PBSV) versorgt am Schützenplatz alle Helfer mit Essen und Getränken.

Auch Landrat Christoph Rüther ist entsetzt über das Ausmaß der Zerstörung, er denke aber vor allem an die Verletzten. Kreishaus und Polizeiwache befinden sich direkt im Zentrum, wo der Tornado im Riemekeviertel seinen Anfang genommen hat. „Hier sind Menschen von umherfliegenden Teilen getroffen worden. Mir tut es unglaublich leid, dass Menschen verletzt worden sind.“

Zwischen 17 und 22 Uhr sind bei Leitstelle des Kreises mehr als 2000 Anrufe eingegangen. „Wir haben alle Feuerwehren aus dem Kreis angefragt und sie sind gekommen, um zu helfen“, sagte Rüther. Auch die Polizei habe mehr als 100 Einsätze gefahren, um unter anderem Gebäude zu sichern.

Ein Polizist verletzt, viele Einsatzfahrzeuge beschädigt

Leitender Polizeidirektor Dr. Ulrich Ettler berichtete, dass ein Polizeibeamter verletzt sowie zahlreiche Einsatzfahrzeuge beschädigt oder zerstört worden seien. „Das Polizeigebäude befindet sich mitten in der Schneise. Um 17.20 Uhr habe ich die Windhose selbst gesehen. Wir haben eine Vielzahl abgeknickter Bäume auf unserem Gelände. Viele Gebäudeteile und Fahrzeuge sind beschädigt.“ Es gibt allerdings auch kritische Worte vom Polizeichef: „Die Bereitschaft zu helfen, war groß. Aber es sind auch Absperrbänder zum Teil von Schaulustigen missachtet worden, das hat uns unglaublich viel Arbeit gemacht. Da wo Feuerwehr und Dachdecker jetzt arbeiten, sind weiterhin Flächen abgesperrt. Mein Appell: Jede Behinderung durch Bürger muss ausbleiben, Schaulustige begeben sich außerdem in Lebensgefahr.“

Der Polizist, der verletzt wurde, habe sich in einem Einsatz zur Unfallaufnahme befunden. Er sei dabei von einer Böe erfasst und mehrere Meter weit über den Boden geschleudert worden.“ Er habe zunächst bis in die Nacht weiter gearbeitet, sich aber inzwischen krank gemeldet.

Feuerwehrchef Ralf Schmitz teilte mit, dass die schwerstverletzte Person erst in Paderborn behandelt und dann nach Bielefeld in eine Spezialklinik verlegt wurde, um sie zu operieren. „Es besteht weiterhin Lebensgefahr. Wir hoffen, dass diese Person sich schnell erholt.“

Ralf Schmitz berichtete weiter, dass zunächst schwerpunktmäßig Rettungswege geräumt werden mussten, um zu den Verletzten gelangen zu können. In der Nacht habe die Feuerwehr labile Bauteile beseitigt.

Wieviele Menschen ihr Dach über dem Kopf verloren haben, ist noch unklar. Der Krisenstab sei mit einem Hotel im Gespräch, wo Betroffene untergebracht werden könnten. Zahlreiche Personen seien bei ihren Familien untergebracht worden.

Die Aufstellung, wie viele Häuser betroffen sind, laufe. Die Schäden sind verheerend, es gehe um mehrere Millionen Euro im privaten wie im öffentlichen Raum. Riemekepark und Paderquellgebiet seien „im Grunde zerstört“, betonte Dreier.

Um den Menschen bei den Aufräumarbeiten zu helfen, werden Container zur Verfügung gestellt. Sie werden an bestimmten Stellen abgestellt, damit dort Trümmer und Äste entsorgt werden können. Das Entsorgungszentrum Alte Schanze des Kreises Paderborn ist ebenfalls beschädigt. Landrat Christoph Rüther: „Für Fahrzeuge ist eine Schleuse gebildet worden. Privatanlieferungen sind aber zu gefährlich.“

Menschen, die Hilfe benötigen, sollen sich an die Stadt unter 05251/880 wenden. Der „Telefonservice ist komplett geöffnet, es sind alle aktiv“, betont Dreier, der unsagbar dankbar ist, dass so viele Helfer „mit in die Speiche packen“.

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