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Eingespartes Geld soll in nationale und internationale Hilfe fließen

Paderborner Kinderdorf-Vereine fusionieren

Paderborn

Das Anliegen ist dasselbe: Kindern und Jugendlichen in Not zu helfen. Deshalb schließen sich die beiden Paderborner Vereine Internationaler Verband Westfälischer Kinderdörfer (IVWK) und Westfälisches Kinderdorf (WEKIDO) jetzt zusammen. Weil dadurch eine Verwaltungsebene wegfällt, soll mehr Geld für die betreuten Kinder und Jugendlichen übrig bleiben.

Von Dietmar Kemper

Im Westphalian Children' s Village in Ghana gibt es eine Highschool mit Internat und Hausaufgabenbetreuung.  Foto: Kinderdorf

„Unser Verein brennt darauf zu fusionieren“, sagte die kaufmännische Leiterin des Vereins Westfälisches Kinderdorf, Paula Heising, am Dienstag. Die Mitglieder des Vereins stimmen am 21. August im Schützenhof über den Zusammenschluss ab.  Die Zustimmung gilt als sicher. Der Internationale Verband Westfälischer Kinderdörfer hat  bereits am 24. Juli grünes Licht für die Verschmelzung gegeben. Das bedeutet nicht nur für die Mitglieder, sondern besonders auch für die IVWK-Geschäftsführerin Christel Zumdiek eine Zäsur. Sie führte den Verein seit 2005.  Weil sie demnächst 75 Jahre alt wird, will sie kürzertreten. Nach der Fusion gehören die Mitglieder beider Organisationen dem Verein Westfälisches Kinderdorf an, der dann neben der nationalen auch eine internationale Sparte haben wird. 

Zur nationalen Sparte gehören die Kinderdörfer im lippischen Barntrup und im niedersächsischen Dissen. Die Hauptverwaltung und die eigene Kindertagesstätte „SpielRAUM“ werden am Achterbusch in Paderborn bleiben. Die internationale Sparte bilden das Westphalian Children's Village in Ghana und das Aldea-Infantil-Westfalia-Kinderdorf in Peru. Ein Kinderdorf in Indien wurde 2017 aufgegeben.

Der Verein Westfälisches Kinderdorf wurde 1961 vom Paderborner Friedhelm Bertling und dessen Mitstreitern gegründet, er hat inzwischen 1100 Mitglieder und etwa 11.000 Förderer in der Region. 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen mehr als 300 Kinder und Jugendliche,  im vergangenen Jahr belief sich der Umsatz auf 12,8 Millionen Euro. Der 1977 ebenfalls von Bertling gegründete internationale Ableger hat 60 Mitglieder und kam auf einen Umsatz von 450.000 Euro.

Paula Heising, Sampson Owusu-Boampong und Christel Zumdiek (von links) trafen sich am Montag in der Zentrale in Paderborn.  Heike Sommerkamp ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Foto: Dietmar Kemper

Videokonferenzen auf drei Kontinenten

Die pädagogische Leiterin des Vereins Westfälisches Kinderdorf, Carmen Ramos, sieht in der Fusion viele Vorteile: „Es besteht ein gemeinsamer Wunsch nach fachlichem und menschlichem Austausch, besonders zwischen uns Pädagogen. Das Thema Kinderdorf verbindet uns, und wir alle sind gespannt darauf, die lokalen und kulturellen Besonderheiten der anderen Standorte kennenzulernen.“ Ramos reizt der Gedanke an Videkonferenzen aus drei Kontinenten: „Es ist sogar denkbar, dass einige Mitarbeitende über einen Austausch Gelegenheit erhalten, internationale Erfahrungen in einem der anderen Kinderdörfer zu sammeln.“

Darin sieht auch Heising einen Pluspunkt, wenn es darum geht, Fachkräfte zu finden. Hätten sich früher auf eine Stellenanzeige bis zu 40 Bewerber beim Verein gemeldet, sei die Zahl inzwischen drastisch gesunken: „Heute ist es umgekehrt, jetzt hat ein Bewerber  40 Stellenangebote.“ Mit Tankgutscheinen und E-Bike-Leasing versucht der Verein, sein Personal zu halten und möglichst noch auszubauen. Es ist nicht zuletzt eine Anerkennung für das bereits Geleistete. Heising: „Unsere Mitarbeiter mussten in der Corona-Pandemie immer zum Dienst.“

Das Verwaltungsgebäude des Vereins Westfälisches Kinderdorf am Haterbusch in Paderborn. Foto: Dietmar Kemper

Das Angebot im Bereich Kinder- und Jugendhilfe hat sich stark aufgefächert. Zu den Kinderdörfern sind Kitas, offene Kinder- und Jugendtreffs und betreute Wohngruppen hinzugekommen. Betreut werden Menschen im Alter zwischen sechs und maximal 21 Jahren. Ihnen soll ein Zuhause mit Pflegeeltern und Pflegegeschwistern gegeben werden. Die Kinder und Jugendlichen hätten von Verwahrlosung bis sexuellen Übergriffen vieles erlebt, nannte Heising Beispiele für Erziehungsnotstand, also die Unfähigkeit von Eltern, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern.

Not lindern und Berufschancen eröffnen

Auch in den internationalen Kinderdörfern geht es immer mehr darum, neben der Beseitigung akuter Not und Armut auch Gesundheitsfürsorge zu leisten, Bildung zu vermitteln und eine berufliche Perspektive zu eröffnen. Dem Leiter des Westphalian Children's Village in Oyoko im Ashanti-Land in Ghana, Sampson Owusu-Boampong, gelang es, das Schweizer Rote Kreuz dazu zu bringen, eine Optikerschule auf dem Dorfgelände anzusiedeln. Außerdem sind eine Highschool mit Internat sowie Farmland zur Eigenversorgung Bestandteile. Dank der Unterstützung des Gymnasiums Schloß Neuhaus konnte die Bewässerung für die Kakaoplantage finanziert werden.

Owusu-Boampong sprach am Dienstag in Paderborn von seinen „Söhnen“ und „Töchtern“, wenn er die Kinder und Jugendlichen meinte, die im Kinderdorf betreut werden – darunter 20 im Alter von vier bis sieben Jahren, die aus sehr armen Familien stammen und im Care-Programm Essen, Kleidung, Unterricht und Hausaufgabenbetreuung erhalten. Stolz ist er unter anderem darauf, dass sieben ehemalige Bewohner inzwischen als Lehrer arbeiten und andere wiederum im Krankenhaus (Westphalian Hospital Complex). Bereits 30 Kinder haben die Highschool abgeschlossen.

„Private Einrichtungen bekommen von der Regierung keine Unterstützung“, bedauert Ghanas Dorfleiter, und Christel Zumdiek ergänzte: „Es gibt in diesen Ländern kein soziales Netz, die Menschen fallen ins Bodenlose.“ Das hätten zum Beispiel die Tagelöhner in Ghana während der Corona-Pandemie erfahren müssen. „In Peru haben wir zehn Kinder im Dorf aufgenommen, die von ihren Eltern verlassen worden waren“, nannte Zumdiek ein Beispiel aus Südamerika.

Im Kinderdorf in Cieneguilla nahe Lima leben 80 Mädchen und Jungen in Familienhäusern mit Pflegefamilien, angegliedert sind eine Grundschule, ein Kindergarten, Farmland und Betriebe für Bäckerei und Kunsthandwerk mit Behinderten und Nichtbehinderten.

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