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Ein Meinungsbeitrag von Dietmar Kemper

Paderborner Perspektiven: Literaturwissenschaftler gibt es schon genug

Paderborn

„Die Universität ist der Diamant unserer Stadt“, sagte Bürgermeister Michael Dreier am Mittwoch im Audimax der heimischen Hochschule. Fragt sich nur, wer den Diamanten künftig schleift. Für das Alltagsleben sind Handwerker mindestens genauso wichtig wie Akademiker.

Von Dietmar Kemper

Ein Kfz-Mechaniker wartet einen elektrisch angetriebenen Jaguar I-Pace Vorführwagen. Foto: Marijan Murat/dpa/Archiv

Fast 3000 junge Frauen und Männer nehmen im Wintersemester ihr Studium an der Uni Paderborn auf. Die Erstsemester wurden am Mittwoch mit warmen Worten begrüßt. Die Zahl der angehenden Akademiker in Paderborn beträgt jetzt schon 25.000.

Die 2000 Handwerksbetriebe im Kreis Paderborn würden auch gern reichlich Azubis begrüßen. Aber so wie in anderen Branchen fehlen die auch im Handwerk. Es wird immer schwieriger, die freien Plätze zu besetzen.

Das liegt nicht daran, dass die Kreishandwerkschaft und die IHK zu wenig für eine Lehre werben würden. Auch die Politik stärkt der Branche den Rücken. Das Handwerk sei das Rückgrat der Wirtschaft und habe unmittelbar nach dem Tornado Großartiges geleistet, lobte Landrat Christoph Rüther Ende Juli beim „Tag des Handwerks“ während des Liborifestes.

Im Handwerk gibt es ordentliches Geld

Der Fachkräftemangel hängt auch nicht mit der Bezahlung zusammen. Im Handwerk lässt sich ordentliches Geld verdienen. Wer als junger Mann zum Beispiel eine Lehre als Elektrotechniker oder Beton- und Stahlbetonbauer beginnt und anschließend im Betrieb weiterarbeitet, baut einen ansehnlichen Finanzsockel auf, während Studenten noch darauf hoffen müssen, dass sie nach dem Studium einen gut bezahlten Job finden.

Woran liegt es also? Das hat zum einen mit dem zu tun, was neumodisch „quiet quitting“ genannt wird. Auf Deutsch: Bei der jüngeren Generation ist die Bereitschaft gesunken, so viel zu arbeiten, wie es die Eltern getan haben. Und schon gar nicht so körperlich hart.   Überstunden werden als Zumutung empfunden, geleistet wird nur noch das, was auch bezahlt wird. Das Wort „Work-Life-Balance“ kannte die Elterngeneration nicht, aber das Beharren darauf, dass Freizeit und Familie nicht unter der Arbeit leiden dürfen, prägt das Denken der Töchter und Söhne. Früher zählte das Geldverdienen, heute ist es Selbstverwirklichung.

Und die Möglichkeit zur Selbstentfaltung verbinden junge Leute eher mit einem Studium. Es ist eine Chance, sich vom Elternhaus abzunabeln, ins Ausland zu gehen, sich auf dem Campus sozial oder politisch zu engagieren – Studieren ist mehr, als nur Vorlesungen zu besuchen. Hinzu kommt: Der Hochleistungsrechner der Uni ist attraktiver als das Klo, dessen Verstopfung beseitigt werden muss. 

Wir brauchen mehr Wertschätzung

Tatsächlich brauchen wir aber mehr Klempner als neue Literaturwissenschaftler. Die Gesellschaft benötigt mehr Wertschätzung für die Ausbildung. Dafür sollte auch in den Schulen geworben werden, aber das fällt so manchem Lehrer, der sich noch gern ans „Wattebauschstudium“ erinnert, schwer.

Auch Politik und Handwerk könnten noch mehr tun. Wie wäre es denn, wenn all jene, die eine Lehre begonnen haben, ins Stadion des SCP eingeladen und von den Oberhäuptern der Stadt feierlich begrüßt werden? Mit leckerem Essen, Musik und Gutscheinen für Museen und Theater. Apropos Musik: Ein Aushängeschild der Uni ist das AStA-Sommerfestival mit bekannten Bands, die mehr als 10.000 Zuhörer anziehen. Könnte nicht die Kreishandwerkerschaft zusammen mit lokalen Veranstaltungen etwas Vergleichbares aufziehen? Wer vor der Wahl steht, in den Hörsaal oder in einen Betrieb zu gehen, muss das Gefühl haben, dass eine Lehre attraktiv ist und auch das Handwerk in der Gesellschaft als ein Diamant angesehen wird.

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