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Freundeskreis bietet das Pilgern auch bei Frost im Advent an

Paderborner wandert nach Chemo auf dem Jakobsweg

Paderborn

Das Gepäck im Rucksack wog im Vergleich zum seelischen Ballast nicht viel. „Im Mai hat mich eine Krebserkrankung von den Füßen gerissen“, erzählt Thomas Caspar. Trotz der zu erwartenden körperlichen Anstrengung  entschied er sich für seine erste Pilgerreise. Der Krebs ist seitdem nicht weg, aber der 59-Jährige fühlt sich besser.

Von Dietmar Kemper

 Thomas Caspar aus Dahl zeigt seinen Pilgerpass mit den Stempeln. Im November dieses Jahres  lief er 170 Kilometer auf dem Jakobsweg und fühlte sich anschließend besser. Foto: Dietmar Kemper

„Ich wusste nicht, wonach ich suche“, erzählt der IT-Manager aus Dahl und ergänzt: „Ich wusste es erst, als ich da war. Was ich gefunden habe, war die Zuversicht, dass ich ankomme, wenn ich mich auf den Weg mache.“

Die Erfahrung, das Ziel erreicht zu haben, hat in ihm Zuversicht für die weiteren Wege in seinem Leben ausgelöst. Die körperliche Anstrengung einer Pilgerreise habe ihn nicht abgeschreckt, und es sei auch nicht darum gegangen, Gott persönlich zu erfahren, berichtet er: „Ich bin ohnehin ein religiöser Mensch und begegne Gott an jeder Ecke.“

170 Kilometer zurückgelegt

 Caspar lief sieben Etappen auf dem Jakobsweg in Spanien,  170 Kilometer von Zubiri bis Santo Domingo del Calzada. Aber das nicht im Frühjahr oder Sommer, sondern vom 23. bis 30. November. Der Dahler ist ein sogenannter „Adventspilger“,  der an der vom Freundeskreis der Jakobuspilger in Paderborn organisierten Gruppenwanderung  mit weiteren 17 Frauen und Männern teilnahm.

„Wir haben das zum sechsten Mal gemacht, 2021 steckten viele im Schnee fest“, erzählt der Präsident des Freundeskreises, Heino von Groote. Normalerweise gehe die Pilgersaison von März  bis Oktober, aber das Adventspilgern werde nicht zuletzt von denen geschätzt, die dem Rummel der Vorweihnachtszeit entfliehen wollten. Jedes Jahr, so von Groote, meldeten sich um die 20 Teilnehmer für die Reise nach Spanien an.

 Thomas Caspar (links) und der Präsident des Freundeskreises der Jakobuspilger, Heino von Groote, vor dem Pilgerbüro an der Busdorfmauer in Paderborn. Es ist die Anlaufstelle für diejenigen, die in Spanien zu sich finden wollen.  Foto: Dietmar Kemper

Arzt stimmte zu

Als Thomas Caspar von der Möglichkeit erfuhr, fragte er seinen Arzt, ob er ihm davon abraten würde. Der Mediziner stimmte zu, als sein Patient ihm klarmachte, dass er nicht den ganzen Jakobsweg, sondern „nur“ sieben Etappen laufen wolle. „Meine Frau hat sich fürchterliche Sorgen gemacht, weil ich meine Chemotherapie gerade erst abgeschlossen hatte“, erzählt Caspar. Schließlich habe sie ihn aber doch ziehen lassen.

Auf dem Pilgerweg stellte Caspar fest: „Ich konnte der Krankheit begegnen, mich damit auseinandersetzen, die Angst stehen lassen, Mut fassen.“ Und er habe, frei von der Hektik und den Ablenkungen des Alltags, die Zeit gefunden, Gedanken wirklich zu Ende zu denken.  „Die Landschaft verändert sich kaum, die Strecke ist einfach, man ist ganz bei sich“, sagt er.

Die Krebserkrankung und die körperliche Anstrengung hielten Thomas Caspar nicht davon ab, auf dem Jakobsweg zu pilgern. Foto: Thomas Caspar

Was bringt Menschen dazu zu pilgern? „Der Tod naher Angehöriger, eine nahezu überwundene Krankheit oder Arbeitslosigkeit bringen viele Menschen dazu“, antwortet Heino von Groote: „Solche Geschichten hört man oft in den Pilgerherbergen.“ Hinzu komme die Neugierde: „Was passiert auf dem Weg, und was passiert mit mir?“ Der sportliche Aspekt, also das Langstreckenwandern, spiele nur eine untergeordnete Rolle.

Informationen aus dem Pilgerbüro

Seit fast 25 Jahren versorgt der Freundeskreis der Jakobuspilger Hermandad Santiago Pilger mit Informationen. Im Pilgerbüro an der Busdorfmauer wurde eine Pilgerbibliothek eingerichtet, die Mitarbeiterinnen bereiten die Interessenten auf das vor, was sie in Spanien erwartet, händigen Unterkunftsverzeichnisse, Pilgerpässe und die Muschel als Erkennungszeichen der Pilger aus. Sie verweisen zudem auf den Pilgerweg vor der Haustür, den Jakobsweg Paderborn-Elspe mit Paderborn, Dalheim, Marsberg, Brilon, Olsberg, Remblinghausen, Reiste und Elspe als Stationen.

Der Freundeskreis mit 1000 Mitgliedern aus ganz Deutschland veranstaltet zweimal im Jahr Treffen für Mitglieder und Interessierte in Paderborn und beteiligt sich darüber hinaus an der Erneuerung und am Unterhalt der Pilgerwege und -Einrichtungen. In Paderborns Partnerstadt Pamplona  betreibt der Verein die Herberge  „Casa Paderborn“, in der im vergangenen Jahr 3500 Pilger unterkamen.

Lange Wanderungen zur Vorbereitung

Thomas Caspar bereitete sich mit 20 Kilometer langen Wanderungen in Dahl auf die Pilgerreise vor. In Spanien wanderte er mit der Gruppe, aber auch stundenlang schweigend allein. Die Unterbringung in Etagenbetten mit bis zu zehn Personen in einem Raum war für ihn ungewohnt,  aber er empfand sie nicht als abschreckend. „Der Empfang in den Herbergen war immer sehr herzlich“, erinnert er sich, und trotz der körperlichen Herausforderung blieb er von Blasen an den Füßen verschont. „Wir hatten morgens Frost, aber bis zum Mittag gingen die Temperaturen auf 14, 15 Grad hoch“, berichtet er.

Heino von Groote glaubt, dass das Adventspilgern Zukunft hat. Einige Menschen wollten gerade dann gehen, wenn es auf der Strecke ruhiger geworden ist. Der Freundeskreis der Jakobuspilger will die Reihe im Oktober 2023 fortsetzen, die Teilnehmer werden dann wieder von Pilgerführer Ulrich Kryn betreut. Der Freundeskreis ist telefonisch über die Nummer 05251/5068677 und per E-Mail ([email protected]) erreichbar und natürlich auch im Internet (www.jakobusfreundepaderborn.com) vertreten. 

Thomas Caspar traut sich inzwischen das Pilgern allein zu. Vielleicht läuft er irgendwann bis zur Endstation in Santiago de Compostela mit dem Grab des Apostels Jakobus. Die erste Pilgerreise hat ihm innerlich eine Menge gegeben, sagt er: „Das strahlt nach.“

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