1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Paderborn
  6. >
  7. Passt dieser Traum noch in die Zeit?

  8. >

Grüne wollen Einfamilienhäuser nicht verbieten, sagt Petra Tebbe – 160 sind 2020 in Paderborn gebaut worden

Passt dieser Traum noch in die Zeit?

Paderborn

Müssen sich die Menschen bald vom Traum Einfamilienhaus verabschieden? Zumindest könnte dieser Eindruck entstanden sein, nachdem ein Interview mit Anton Hofreiter, dem Fraktionschef der Grünen, in der vergangenen Woche eine Debatte darüber ausgelöst hatte. Ohnehin werden Einfamilienhäuser immer mehr zum Luxus – auch in Paderborn, wo nicht selten eine halbe Million Euro oder mehr investiert werden muss.

Matthias Band

Im Paderborner Baugebiet Springbach Höfe entstehen derzeit zahlreiche neue Häuser. Foto: Oliver Schwabe

Petra Tebbe, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Paderborner Rat, wehrt sich gegen die Vorwürfe: „Die Behauptung, Grüne wollten Einfamilienhäuser verbieten, ist eine politisch motiviert verkürzte Debatte und schlicht falsch. Anton Hofreiter hat auf die Binsenweisheit hingewiesen, dass die Kommunen entscheiden, was, wo und wie bebaut wird, und das hängt von zur Verfügung stehenden Flächen ab. Die Grünen unterstützen von der Bundesebene bis nach Paderborn den Erwerb von Wohneigentum, setzen sich für günstige Mieten ein und für die Förderung von Sanierungen und ökologischem Bauen.“

Foto:

Die Fraktionsvorsitzende verweist auf aktuelle Bauvorhaben in Paderborn im Baugebiet Springbach Höfe und auf dem ehemaligen Areal der Dempsey-Kaserne. „Wir Grünen in Paderborn haben in der Vergangenheit Einfamilienhäusern zugestimmt und werden es auch in Zukunft tun“, sagt Tebbe.

FDP: Ideologisch geprägte Verbotspolitik

Kritik an den Äußerungen Hofreiters kommt von der FDP. „Die Äußerungen des Grünen Anton Hofreiter sind ein echter Schlag ins Gesicht vieler Paderborner Familien. Bereits heute ist es für junge Familien bei uns doch schon unglaublich schwer, sich ihren Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen. Diese ideologisch geprägte Verbotspolitik der Grünen ist daher nicht nur lebensfremd, sie geht auch völlig an den Bedürfnissen der Menschen unserer Region vorbei. Ich möchte nicht erleben, dass aufgrund grüner Wunschvorstellungen irgendwann keine Einfamilienhäuser mehr in die Bebauungspläne unserer Kommunen im Kreis Paderborn aufgenommen werden. Das kann und darf nicht der Weg sein. Die eigenen vier Wände und vor allem das Einfamilienhaus sind und bleiben die beste Altersvorsorge“, sagt der heimische FDP-Landtagsab­geordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Marc Lürbke, der auf das Wohnraumförderprogramm des Landes verweist, von dem auch der Kreis Paderborn profitiere. Wohnraum müsse auch in Zukunft bezahlbar sein, sagt Lürbke: „Der Traum von den eigenen vier Wänden darf bei uns in den Städten, Gemeinden und Dörfern nicht immer weiter in unerreichbare und unerschwingliche Ferne geraten. Gegen Wohnungsmangel hilft am Ende nur eines: bauen, bauen, bauen.“

56 Hektar pro Tag versiegelt

Nach Angaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit werden in Deutschland 56 Hektar pro Tag als Siedlungs- und Verkehrsflächen ausgewiesen. Das macht etwa 204 Quadratkilometer im Jahr. Nach 207 Tagen ist eine Fläche von der Größe des Truppenübungsplatzes Senne mit neuen Straßen und Gebäuden überzogen. Die Flächen gehen vor allem der Landwirtschaft verloren. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bewirtschaften die Landwirte in Deutschland noch 181.280 Quadratkilometer, gut die Hälfte des Bundesgebiets. Bis zum Jahr 2030 will die Bundesregierung den Flächenverbrauch auf unter 30 Hektar pro Tag verringern. Bis 2050 strebt die Bundesregierung das Flächenverbrauchsziel Netto-Null (Flächenkreislaufwirtschaft) an, womit sie eine Zielsetzung der Europäischen Kommission aufgegriffen hat.

160 Einfamilienhäuser in Paderborn gebaut

Hofreiter hatte im Interview mit dem Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ gesagt: „Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr. Wir leben in Zeiten der Klimakrise und des Artensterbens.“ Er hatte aber auch gesagt: „Natürlich wollen die Grünen nicht die eigenen vier Wände verbieten. Die können übrigens sehr verschieden aussehen: Einfamilienhaus, Reihenhaus, Mehrfamilienhaus, Mietshaus. Wo was steht, entscheidet allerdings nicht der Einzelne, sondern die Kommune vor Ort.“

Losgelöst von der politischen Debatte wurden in Paderborn im vergangenen Jahr 160 Einfamilienhäuser fertiggestellt (siehe Tabelle). Das sind deutlich mehr als 2019. Insgesamt gibt es in Paderborn laut Stadt 75.167 Wohnungen in 31.639 Gebäuden, davon sind 18.801 Einfamilienhäuser. Der Anteil der Einfamilienhäuser entspricht 59 Prozent. Die Stadt stuft den Wohnungsmarkt weiterhin als angespannt ein. „Da auch aktuell eine hohe Zahl an Haushalten bei der Stadt für die Vergabe von Grundstücken für den Wohnungsbau oder für die Vermittlung einer geförderten Wohnung gemeldet sind, ist weiterhin von einer Anspannung in diesen Segmenten auszugehen. Dies zeigt sich auch durch die Steigerung der ausgestellten Wohnberechtigungsscheine von sonst jährlich zwischen 800 bis 1000 in den letzten zehn Jahren auf fast 1200 im Jahr 2020“, heißt es dazu aus dem Rathaus.

Ein Kommentar von Matthias Band

Die Diskussion um ein Verbot von Einfamilienhäusern hat mit der Realität in den meisten Städten und Gemeinden nicht viel zu tun. Ökologie und Häuserbau sind kein Widerspruch. Im Gegenteil. Die sparsame Nutzung von Flächen, nachhaltiges Bauen und eine Planung nach den Bedürfnissen vor Ort ist längst geübte Praxis – nicht nur im Kreis Paderborn.In Ballungsräumen wie Hamburg, Berlin oder München sieht die Welt aber schon anders aus. Und grundsätzlich ist die Frage, wie viel Wohnraum ein einzelner Mensch beanspruchen sollte, berechtigt. Insofern sind Hofreiters Aussagen sogar ein Segen, weil sie endlich eine breite Debatte ausgelöst haben. Dabei sollten wir aber nicht nur auf ökologische Aspekte achten, sondern vor allem auf bezahlbaren Wohnraum. Denn der ist zu einer der drängendsten sozialen Fragen geworden.

Startseite