Der Kunstverein Paderborn zeigt konsumkritische Arbeiten der Leipzigerin Frenzy Höhne

Phrasen und Warteschlangen

Paderborn

Geht es neuer als neu? Mit ihrer Arbeit „Neuererer“ ironisiert Frenzy Höhne den Steigerungswahn in der Werbung. Unermüdlich hat sie n, e, u und r als Holzbuchstaben in Tinte getaucht und aneinandergefügt. Ihre Konsumkritik ist kein billiges Kapitalismus-Bashing, sondern kommt mit einem Augenzwinkern daher.

Dietmar Kemper

Gut, besser, noch besser? „Die ewige Optimierung und Verbesserung haben irgendwann ein natürliches Ende“, ist Frenzy Höhne überzeugt. In ihren Werken setzt sie sich kritisch mit Konsum und seinen Auswüchsen auseinander. Foto: Jörn Hannemann

Eine Auswahl ihrer Werke ist jetzt unter dem Titel „Stellen Sie sich an“ im Kunstverein zu sehen. Die 45-jährige Künstlerin lebt und arbeitet in Leipzig. In Dresden kam sie zur Welt, mit acht Jahren reiste sie mit ihren Eltern aus der DDR aus und landete in Hannover. Frenzy Höhne studierte freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, anschließend war sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Meisterschülerin von Alba D‘Urbano.

Dass Kunst etwas bewegen kann, merkte Frenzy Höhne 2014, als sie ihre Aktion „Auslage“ umsetzte. Im ostdeutschen Kamenz fotografierte sie Statisten vor Spezialitätengeschäften, die hatten schließen müssen. Die Männer und Frauen in den vermeintlichen Warteschlangen trugen weiße Taschen mit den Werbeslogans der großen Ketten wie zum Beispiel „Ich bin so frei“ oder „Das gibt‘s doch gar nicht“. Die weißen Taschen erinnerten dabei an Plakate bei Demonstrationen. Die Aktion gab mit den Anstoß dazu, die Innenstadt wiederzubeleben.

Ihre Fotoaktion mit vermeintlichen Warteschlangen vor bereits geschlossenen Geschäften hatte praktische Folgen: Die Innenstadt von Kamenz in Sachsen wurde wiederbelebt. Foto: Jörn Hannemann

„In meinen Werken befasse ich mich mit Bedürfnissen und Werten der Gesellschaft“, erzählte Frenzy Höhne am Donnerstag in Paderborn: „Dabei liegt es mir absolut fern, mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen. Meine Konsumkritik steckt im Detail, in den Zwischentönen.“ So auch bei der mit Bananen aus Pappmaché gefüllten „Sonderposten“-Auslage, die unwillkürlich Assoziationen an die Mangelwirtschaft in der Ex-DDR weckt. Die hohlen Phrasen in den Unternehmensleitlinien und die quasireligiöse Bedeutung des Geldes hat Höhne in der elfminütigen Soundinstallation „Soll+Haben“ aufgegriffen, einer „Liturgie auf die Leitmotive deutscher Sparkassen“, die 2018 in der Kapelle von Schloß Wiepersdorf in Brandenburg aufgenommen wurde.

Den Optimierungswahn in der Gesellschaft verarbeitete sie wiederum in der großformatigen Druckgrafik „Noch besser“ (2015). Zu Beginn sind die Wörter gut, besser und die Steigerung noch besser deutlich zu lesen, aber dann lösen sie sich mehr und mehr auf.

Dass in den Räumen des Kunstvereins am Kamp 13 früher ein Geschäft untergebracht war, findet Frenzy Höhne passend. Hier kann sie ihre Konsumkritik ins Schaufenster stellen.

Ausstellungseröffnung am Freitag auf Youtube

Die Ausstellungseröffnung überträgt der Kunstverein an diesem Freitag von 19 Uhr an auf seinem Youtube-Kanal.

Sollte es die Pandemie zulassen, wird die Reihe „Kunstgenuss“ am Donnerstag, 10. Juni, fortgesetzt. Von 17.30 bis 19 Uhr führt die Kunstvereinsvorsitzende Alexandra Sucrow durch die Schau. Zusätzlich bietet der Kunstverein am Donnerstag, 27. Mai, um 18 Uhr eine interaktive Videoführung an. Wer dabei sein möchte, muss sich mit dem Stichwort „KUNSTGENUSS“ oder „ONLINE-FÜHRUNG“ anmelden, per Telefon (05251/6835281) oder E-Mail (info@kunstverein-paderborn.de). Die Schau ist bis zum 27. Juni angesetzt, der Kunstverein mittwochs bis sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

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