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Stadtmuseum Paderborn zeigt Fotografien von Herlinde Koelbl

Plötzlich wie verwandelt

Paderborn (WB). Dem Vatikan gefiel das gar nicht, er befürchtete einen Ansehensverlust. Der damalige Bischof von Regensburg, Ludwig Gerhard Müller, ließ sich von Herlinde Koelbl erst im Ornat und dann privat im Trainingsanzug fotografieren. „Eine Autoritätsperson wurde zum netten Nachbarn“, sagte die international renommierte Fotografin selbst zu der Verwandlung.

Dietmar Kemper

Vor Herlinde Koelbls Fotografien, die Ludwig Gerhard Müller als Bischof und Privatmann zeigen, diskutieren Markus Runte, Andrea Brockmann und Michael Dreier. Foto: Dietmar Kemper

Das Gegensatzpaar entstand in ihrem Langzeitprojekt „Kleider machen Leute“, für das Koelbl zwischen 2008 und 2012 in Deutschland und acht weiteren Ländern Personen erst in ihrer Uniform und anschließend in legerer Kleidung porträtiert hatte. Dass diese plötzlich kaum noch wiederzuerkennen sind, zeigt die Auswahl der Fotografien, die jetzt im Stadtmuseum Paderborn zu sehen sind.

Unformen machen Menschen „ein paar Zentimeter größer“

Die Besucher stoßen auf Soldaten, einen Polizisten, Clown, Butler, Wrestler, einen Rechtsanwalt, eine japanische Geisha und auf Kirchenvertreter, die durch ihre Berufskleidung eine andere Aura bekommen, die sich selbst anders darstellen und, so sagt es Herlinde Koelbl, „ein paar Zentimeter größer werden, weil sie sich aufrecht hinstellen“. Menschen in Uniform werden aber auch von den anderen neu wahrgenommen. „Im Ornat begegnen mir die Menschen anders, ehrfürchtiger, respektvoller, liebevoller“, hat der griechisch-orthodoxe Priester Apostolos Malamoussis beobachtet, dessen Porträts ebenfalls in Paderborn ausgestellt sind.

Herlinde Koelbl wollte zur Eröffnung kommen, musste aber krankheitsbedingt passen. Deshalb erzählte der Leiter des Stadtmuseums, Markus Runte, aus ihrem Leben. Der Fotografin gehe es „immer um den Menschen und die Einbettung in sein Umfeld“, sie porträtiere Personen und Milieus, betonte er und verwies auf berühmte Langzeitprojekte wie „Das deutsche Wohnzimmer“ (1980) und „Spuren der Macht“ (1991-1999).

Die Mächtigen mit der Kamera begleitet

Im ersten Fall hielt Koelbl Menschen in ihrem intimsten Raum fest, im zweiten die äußerliche Verwandlung beispielsweise von Joschka Fischer und Angela Merkel, die sie jedes Jahr neu aufsuchte. Herlinde Koelbl arbeitet ohne Auftraggeber und Sponsoren, um sicherzustellen, dass sie unverfälscht umsetzen kann, was ihr vorschwebt. Die Fotografin und Dokumentarfilmerin lebt in der Nähe von München und ist inzwischen 80 Jahre alt.

Der Ausspruch „Kleider machen Leute“ leite sich vom gleichnamigen Titel der Novelle von Gottfried Keller ab, erläuterte Markus Runte, der seit dem Studium von Koelbls Arbeiten fasziniert ist, sie auch kennt und als „sehr, sehr energiegeladene Person“ charakterisiert.

Die Schau „Kleider machen Leute“, die bis zum 31. Januar läuft, ist Teil des Gemeinschaftsprojekts der städtischen Museen und Galerien „Get dressed!“ über die Bedeutung des Kleides in Kunst, Geschichte, Kultur und Natur. Damit solle der Museumsverbund stärker ins Bewusstsein gehoben und ein Zeichen in einer Zeit gesetzt werden, „die so sehr von Be- und Einschränkung geprägt ist“, sagte die Initiatorin des Projekts und Leiterin der städtischen Museen, Andrea Brockmann.

Bürgermeister Michael Dreier erinnerte daran, dass sich die heimische Museumslandschaft in einem Umstrukturierungsprozess befindet, der 2013 mit der Verlegung der Stadtgeschichte vom Adam-und-Eva-Haus ins Stadtmuseum am Abdinghof begann. Die aktuellen Ausstellungen unter dem Motto „5 Museen – 1 Projekt“ zeigten die Vielfalt und Lebendigkeit der beteiligten Häuser.

Besucher hatten am Sonntag bei einem Tag der offenen Tür die Möglichkeit, sich die „Get dressed!“-Ausstellungen anzuschauen und an Führungen teilzunehmen. Sie konnten die Performance des Künstlerpaares Guda Koster und Frans van Tartwijk mitverfolgen, die als lebende Skulpturen auftraten und sich bei den Kostümen an Tierfellen orientiert hatten.

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