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„Antigone“ feiert als Multimedia-Inszenierung Premiere in Paderborn

Prinzipientreu bis zum Schluss

Paderborn (WB). In den griechischen Tragödien geht es um die großen Themen der Menschheit – um Schuld und Sühne, den Einzelnen in der Welt, um grausame Schicksale und das Wirken der Götter. In ihnen gerät die Hauptfigur in eine ausweglose Lage – so wie Antigone, die ihre Ideale nicht aufgeben will und es als Frau wagt, Thebens neuen Herrscher herauszufordern.

Dietmar Kemper

Beobachtet vom Chor auf der Tribüne und ihrer Schwester Ismene im Video gibt sich Antigone kämpferisch und überzeugt davon, dass auch ihr Bruder Polyneikes das Recht auf eine würdevolle Bestattung hat. Sie legt sich mit dem Staat an. Foto: Tobias Kreft

Die Tragödie von Sophokles (497/496-406/405 vor Christus) hatte am Samstagabend Premiere am Paderborner Theater. Auf 70 Minuten gekürzt, hält sich Paulina Neukampf in ihrer Inszenierung nah am Stoff, gestaltet das Stück aber multimedial als Auseinandersetzung zwischen Individuum und Staat. Die Diskussion über Werte und Macht handelt sie in einer Umgebung ab, die an einen alten antiken Marktplatz oder eine Theaterarena wie die in Epidauros erinnert. Den Zuschauerrängen im Großen Haus steht eine Tribüne gegenüber, auf der sich der das Geschehen kommentierende Chor (Robin Berenz, Ogün Derendeli, Carsten Faseler, Lea Gerstenkorn) aufhält, und dazwischen spielt sich der Widerstreit der Meinungen ab.

Kreon kämpft gegen Meinungsvielfalt. Foto: Tobias Kreft

Antigones Brüder Eteokles und Polyneikes haben sich mit Krieg überzogen und mit eigener Hand getötet. Thebens neuer Herrscher Kreon gestattet Eteokles ein Begräbnis mit allen Ehren, dem angeblichen „Frevler“ und Verräter Polyneikes aber nicht. Eteokles habe für die Polis gekämpft, sein Widerpart verdiene es nicht, beweint, sondern von den Schnäbeln der Vögel zerhackt zu werden. Antigone, wunderbar prinzipientreu dargestellt von Barbara Fressner, will dem staatlichen Gebot nicht folgen und kündigt gegen den Rat ihrer Schwester Ismene (Claudia Sutter) an: „Ich begrab’ ihn und wenn ich dafür sterbe.“ Heiliges wolle sie heilig halten, göttliche Gesetze stünden über den von Menschen gemachten. Die Katas­trophe nimmt ihren Lauf.

Auch wegen des Bühnenaufbaus gelingt es Paulina Neukaumpf sehr gut, den Scheinwerfer auf den grundlegenden Konflikt zu richten. Die Kernfrage lautet: Was wiegt mehr – die individuelle Freiheit oder staatliche Autorität? Eine in Zeiten von Anti-Corona-Demonstrationen hochaktuelle Frage. Deswegen taucht „Antigone“ nicht zufällig im Spielplan des Paderborner Theaters auf. Das Stück lässt sich als Kommentar zur heftig geführten Diskussion darüber lesen, wie weit staatliche Bevormundung gehen darf und ob Menschen nicht ein moralisches Recht darauf haben, würdig bestattet zu werden. Direkte Bezüge zur Corona-Pandemie vermeidet Neukampf, aber indem sie Figuren wie Ismene oder Kreons Sohn Haimon (Carsten Faseler) per Videoeinspieler in die Handlung einbaut und mit denen auf der Bühne interagieren lässt, verweist sie auf das aktuelle Phänomen, dass Kommunikation verstärkt über Bildschirme abläuft.

140 Gäste kamen, 240 hätten es sein können

„Antigone“ eignet sich derzeit auch aus einem anderen Grund gut für die Bühne. Die Zahl der Darsteller ist klein, Monologe und Dialoge prägen das Geschehen, die Abstandsregeln auf der Bühne lassen sich vergleichsweise leicht einhalten. Und so sah die Aufführung nicht ungelenk oder konstruiert, sondern nach echtem Theater aus. Noch scheinen Besucher aber mit dem Gedanken, wieder ins Theater zu gehen, zu fremdeln. Zur ersten von zwei Vorstellungen am Samstag kamen 140 Gäste, 240 hätten es sein können.

Die Aufführung ist auch eine Auseinandersetzung über die Prinzipien von Diktatur und Demokratie. Kreon, hervorragend gespielt von David Lukowczyk, boxt in einer Szene Mikrofone weg und bekämpft die Vielstimmigkeit. „Soll ich für andere als für mich herrschen?“, fragt er, um an anderer Stelle zu verkünden: „Mein Wille lässt nicht mit sich handeln.“ Neukampf verlässt das für griechische Tragödien typische Prinzip der Einheit von Raum, Zeit und Handlung, als sie ein Mitglied des Chores das Gemälde von Eugène Delacroix „Die Freiheit führt das Volk“ beschreiben lässt. Es entstand zur Juli-Revolution 1830 in Paris und gilt als Ikone der Demokratie.

„Antigone“ ist das nächste Mal am 17. Oktober in Paderborn zu sehen und steht bis zum 28. Januar 2021 auf dem Spielplan.

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