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Thomas Linnartz muss um seinen Führerschein fürchten – mit Video

Prothese sorgt für Ärger mit Amt

Paderborn (WB). Thomas Linnartz ist mit seiner Beinprothese bisher unfallfrei gefahren, hat keine Punkte in Flensburg und körperlich geht es ihm besser als je zuvor. Trotzdem soll der 48-Jährige den Führerschein abgeben. Und das, weil er sich beim Straßenverkehrsamt des Kreises lediglich informiert hat, ob er den Motorradführerschein machen darf. Jetzt droht ihm sogar Zwangshaft.

Ingo Schmitz

Diese Hightech-Prothese erlaubt Thomas Linnartz endlich seinen geliebten Sport zu machen. Er fährt gern Rad und das Autofahren klappt auch problemlos. Trotzdem beharrt der Kreis Paderborn darauf, dass er eine Fahrprobe ablegen soll. Foto: Jörn Hannemann

Thomas Linnartz litt nach einer Krebserkrankung als Kind an einer Beinverkürzung. »Ich habe überlebt, aber das linke Bein blieb im Wachstum kürzer als das andere – insgesamt 36 Zentimeter«, sagt er. Er bekam eine Orthoprothese zur Verlängerung seines Beines. Weil durch die Orthoprothese das linke Knie versteift wurde, machte er mit 18 Jahren den Führerschein Klasse 3 (für Autos) mit Automatikgetriebe. Mit 36 Jahren entschied er sich dazu, sein linkes Bein vom Oberschenkel an amputieren zu lassen.

Neues Leben mit Hightech-Prothese

Ein schwerer Schritt, aber: Nun hat er eine Hightech-Prothese, die ihm ein neues Leben ermöglicht. »Ich kann joggen, ich fahre 70 bis 80 Kilometer Rad pro Tag. Ich spiele Golf«, gibt er einen Einblick in seine Freizeit. Sein Traum war aber stets das Motorradfahren. Im Sommer 2018 habe er sich daher an das Straßenverkehrsamt des Kreises Paderborn gewandt und einen Antrag gestellt. Damit hat Thomas Linnartz die Büchse der Pandora geöffnet. Den Sachbearbeiter interessierte nämlich vor allem die Amputation und teilte mit: »Die dargestellten Tatsachen begründen aus meiner Sicht Zweifel hinsichtlich ihrer Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen (...).«

Gutachten für mehr als 500 Euro

Prompt wurde Thomas Linnartz im September 2018 aufgefordert, ein Gutachten eines Facharztes für Orthopädie mit verkehrsmedizinischer Qualifikation beizubringen. Das machte er auch und zahlte artig die Rechnung in Höhe von mehr als 500 Euro. Danach teilte ihm der Kreis mit: »In dem Gutachten kommt Dr. Schmidt zum Ergebnis, dass weitere medizinische Untersuchungen nicht erforderlich sind. Er gibt allerdings an, dass (...) die Fahreignung nicht sicher eingeschätzt werden kann. Er hält eine Fahrverhaltensbeobachtung durch Fahrprobe für notwendig.« Frist bis zum 21. Dezember, ansonsten drohe der Einzug des Pkw-Führerscheins.

Thomas Linnartz bekam Post vom TÜV. Er wurde aufgefordert 192,10 Euro für die »umfangreiche Fahrprobe« zu überweisen, danach werde der Termin zugeteilt. Außerdem sei »zur Durchführung ein Fahrlehrer sowie ein Fahrzeug mit Doppelpedalen für den Fahrlehrer erforderlich«. Der Paderborner überwies das Geld und wartete. Doch einen Termin bekam er nach eigenen Angaben nicht genannt. Mitte Januar habe sich das Straßenverkehrsamt gemeldet: Entweder werde die Einziehung des Führerscheins angeordnet oder Thomas Linnartz beantrage eine Fristverlängerung.

Der Ärger geht immer weiter

Der Unternehmer nahm sich einen Anwalt und kontaktierte eine Fahrschule. Dort habe man ihm klar gemacht, dass er zunächst zwei Fahrstunden nehmen müsse, bevor er zu einer Fahrprobe antreten dürfe. Und der Ärger ging noch weiter.

Schließlich habe er sich mit seinem Anwalt auf den Weg zum Kreis gemacht, um im persönlichen Gespräch für Aufklärung zu sorgen und zu zeigen, wie agil er mit der Prothese ist. Außerdem musste er das Gutachten des Mediziners noch einmal auf eigene Kosten erweitern lassen. Auch das brachte nichts. Inzwischen hat der Kreis zumindest seine Forderung modifiziert: Wenn er seinen Führerschein der Klasse 3 behalten und weiterhin nach altem Recht Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen fahren wolle, müsse man auf die Fahrprobe bestehen. Das gelte auch für den Fall, wenn er den Motorradführerschein machen wolle. Wenn er aber nur Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen bewegen wolle, würde das Straßenverkehrsamt auf die Fahrprobe verzichten.

Der Behörde wird Willkür vorgeworfen

Thomas Linnartz hält die Maßnahme für völlige Willkür: »Obwohl es mir besser geht, soll ich schlechter gestellt werden? Ich lasse mich aber nicht mehr diskriminieren«, sagt der 48-Jährige, der sich weigert, seine Fahrerlaubnis einschränken zu lassen und verweist dabei auf das Inklusionsgesetz. Da er das Dokument nicht wie vom Kreis gefordert abgegeben hat, sind ihm jetzt zwei Tage Zwangshaft angedroht worden. »Und den Motorradführerschein soll ich auch nicht mehr machen dürfen – wegen erwiesener Nichteignung. Die ist aber nicht erwiesen, denn ich habe bis heute nicht die Gelegenheit bekommen eine Fahrprobe zu machen. Wann ich diese leiste muss in meinem Ermessen liegen. Inzwischen hat er Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht.

Das sagt der Kreis

Der Kreis Paderborn erklärt zu dem Fall: »Wir haben wiederholt mit dem Antragsteller gesprochen, ihm wiederholt erläutert, dass er eine Fahrprobe absolvieren muss, ihm auch immer wieder Fristverlängerungen eingeräumt und erläutert, was passiert, wenn er sich weigert, diese Fahrprobe zu absolvieren. Was in solchen Fällen passiert, ist in der Fahrerlaubnisverordnung geregelt: Wir haben ihm den Führerschein für den Lkw (nicht PKW!) entzogen und die beantragte Genehmigung für den Motorradführerschein versagt. Gegen beide Entscheidungen hat er geklagt. Beide Entscheidungen sind vor dem Verwaltungsgericht anhängig. Das bleibt abzuwarten.«

In einer weiteren Stellungnahme, die die Redaktion am Dienstag erreicht hat, schreibt die Pressesprecherin des Kreises Paderborn, Michaela Pitz:

»Hier geht es nicht nur um die Sicherheit des Antragstellers, hier geht es um die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer. Wenn jemand eine solche Beeinträchtigung hat, sehen die Fahrerlaubnisverordnung und die Begutachtlungsleitlinien vor, dass ein Straßenverkehrsamt ein Gutachten und eine Fahrprobe anordnen muss. Wie eine Fahrprobe auszusehen hat, entscheiden der TÜV und zertifizierte Sachverständige. Es reicht also nicht die Inaugenscheinnahme durch eine lokale Tageszeitung. Der Antragsteller weigert sich, diese Fahrprobe zu absolvieren. Was dann zu geschehen hat, regelt ebenfalls - zur Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer - die Fahrerlaubnisverordnung. Dort heißt es in § 11, Ziffer 8: “Weigert sich der Betroffene, sich untersuchen zu lassen, oder bringt er der Fahrerlaubnisbehörde das von ihr geforderte Gutachten nicht fristgerecht bei, darf sie bei ihrer Entscheidung auf die Nichteignung des Betroffenen schließen. Der Betroffene ist hierauf bei der Anordnung nach Absatz 6 hinzuweisen.” Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Kreis Paderborn

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