1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Paderborn
  6. >
  7. Prozess um Überfall auf Friedhof

  8. >

Bad Lippspringer steht vor dem Paderborner Landgericht und wird wegen einer anderen Tat festgenommen

Prozess um Überfall auf Friedhof

Paderborn

Einer alten Frau auf einem Friedhof die Handtasche zu rauben, ist ein starkes Stück. Noch schlimmer wird es, wenn der Täter dazu auch noch Pfefferspray einsetzt. Die Tat, die sich in Paderborn ereignet hat, beschäftigt seit Freitag die 8. Große Strafkammer des Landgerichts. Aber die Richter sind skeptisch und fragen sich, ob die Polizei vielleicht den Falschen als Täter ermittelt haben könnte.

Ulrich Pfaff

Das Gericht in Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Eine 85-Jährige wird im Juli vergangenen Jahres am helllichten Tag auf dem Westfriedhof überfallen, am Grab ihres Mannes. Um eine mögliche Gegenwehr der hochbetagten Dame von vornherein zu unterbinden, so sieht es zumindest die Staatsanwaltschaft, sprüht der Täter seinem Opfer Pfefferspray ins Gesicht. Aus dem Rollator reißt er die Handtasche an sich und verschwindet, mit ihm Bankkarten, der Personalausweis, Hausschlüssel und 40 Euro Bargeld.

Vor Gericht steht ein 24 Jahre alter Drogenkonsument aus Bad Lippspringe, angeklagt des schweren Raubes. Zu den Vorwürfen schweigt er, auch das Opfer kann nichts zur Erhellung der Tatumstände beitragen, denn die beraubte Seniorin ist zwischenzeitlich verstorben. So prüft die 8. Große Strafkammer, wie der Verdacht auf den Angeklagten gefallen ist – und wird skeptisch. Denn das Opfer, so geht es aus den Ermittlungsakten hervor, hatte von einem eher asiatisch aussehenden jungen Mann gesprochen. Das hatte man zum Anlass genommen, von acht Porträtbildern sechs mit künstlich zusammengesetzten Gesichtern südostasiatischen Einschlags anzufertigen, das siebte zeigte einen Mann mit Brille, das achte den Angeklagten mit etwas dunklerem Teint – den die 85-Jährige damals wiedererkannt und als Täter benannt habe, wie der Kripo-Beamte sich erinnerte.

Er musste sich von Richterin Anne Zacharias vorhalten lassen, die eher dürftige Auswahl an unterschiedlichen Täter-Typen sei wohl „nicht so glücklich“ gewesen, zumal der Angeklagte der einzige Nicht-Asiate gewesen sei. Was der Zeuge wiederum konterte: Die Frau habe „zielgerichtet sehr spontan gesagt, dass er es ist“. Überhaupt habe man das Echt-Foto des Bad Lippspringers in die Auswahl aufgenommen, weil es bereits zuvor einen ähnlichen Überfall auf dem Westfriedhof gegeben und er den Hinweis von Kollegen erhalten habe, der polizeibekannte Drogenkonsument käme als Verdächtiger infrage.

Während das Gericht die Beweislage für den Raub problematisch betrachtet, werden zwei Wohnungseinbrüche in Paderborn, die der 24-Jährige im Dezember 2018 begangen haben soll, noch Gegenstand der Beweisaufnahme bei einem späteren Termin sein. Den muss der Angeklagte allerdings hinter Gitter erwarten: Er kam zwar als freier Mann ins Gericht, verließ es später aber – für ihn selbst unerwartet – im Gefangenentransporter zur Justizvollzugsanstalt Werl. Die Staatsanwaltschaft hatte einen Vollstreckungshaftbefehl erwirkt, weil der 24-Jährige nach einer früheren Verurteilung als Auflage für eine Aussetzung der Haftstrafe eine ambulante Drogentherapie hatte absolvieren sollen, dies aber bisher nicht getan hat. Am 11. Dezember soll weiter verhandelt werden.

Startseite