1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. OWL
  4. >
  5. Paderborn
  6. >
  7. Rassenwahn im Paderborner Stadtmuseum

  8. >

Ausstellung schildert die Verfolgung und Vernichtung von Sinti und Roma

Rassenwahn im Paderborner Stadtmuseum

Paderborn

Renate Weinrich starb 1943 an den Folgen der Menschenversuche des widerlichen KZ-Arztes Josef Mengele. Sie wurde nur sechs Jahre alt und gehörte zu den fünf Sinti und Roma aus Paderborn, die nachweisbar nach Auschwitz gebracht und dort umgebracht wurden.  Vier Kinder und ein Erwachsener teilten dieses Schicksal.

Von Dietmar Kemper

Der Leiter des Paderborner Kulturamtes, Maximilian Zindel (links), und der Chef des Stadtmuseums, Markus Runte, stellten am Donnerstag die Ausstellung „Rassendiagnose Zigeuner“ vor.  Foto: Dietmar Kemper

Wie eine Bevölkerungsminderheit verleumdet, ausgegrenzt,  verfolgt und vernichtet wurde, schildert die Ausstellung „Rassendiagnose Zigeuner“, die vom 9. Oktober 2022 bis zum 8. Januar 2023 im Stadtmuseum zu sehen sein wird. Es handelt sich um die Wanderausstellung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, die um ein Kapitel zur Situation in Paderborn ergänzt wurde.

Der Leiter des Stadt- und Kreisarchivs Paderborn, Wilhelm Grabe, hat die Geschichte der hiesigen Sinti und Roma aufgearbeitet und damit „eine Lücke geschlossen“, wie es der Leiter des Stadtmuseums, Markus Runte, am Donnerstag ausdrückte. Die Besucher könnten Grabes Aufsatz „Die Verfolgung von Roma und Sinti in Paderborn zwischen 1933 und 1945“ in der Ausstellung kostenlos erhalten, kündigte er an.

Das Ehepaar Lagerin gehörte zu den Sinti und Roma in Paderborn, die in der NS-Zeit verfolgt wurden. Von dem Korbmacher und seiner Frau ist diese Fotografie in der Ausstellung zu sehen.. Foto: Dietmar Kemper

Schätzungsweise 500.000 als „Zigeuner“ beschimpfte Männer, Frauen und Kinder fielen den von krudem Rassendenken gelenkten Nazis zum Opfer. Das „Reichssicherheitshauptamt“ bildete die treibende Kraft bei der Verfolgung von Menschen, die als „artfremde Rasse“ und als „Fremblütige“ abqualifiziert wurden. Dem Ausschluss aus dem Arbeitsleben, Vereinen und der Wehrmacht folgten der Abtransport und  die physische Vernichtung – alles bürokratisch sauber aufgelistet und verbunden mit Anträgen auf Fahrtkostenerstattung und Aufwandsentschädigung. „Menschen wurden nur als Objekte betrachtet, die von A nach B gebracht wurden“,  gruselt es Markus Runte bei so viel Verachtung.

„Das waren die Zigeuner“

Sinti und Roma sei seit Jahrhunderten Misstrauen und Ablehnung entgegengebracht worden, betonte der Leiter des Stadtmuseums:  Wenn ein Kind verschwunden war, habe es gleich gehießen: „Das waren die Zigeuner“.  Woher diese klischeebehaftete Bezeichnung genau stamme, wisse man nicht genau. Möglicherweise setze sich das Wort aus „umherziehen“ und „etwas ergaunern“ zusammen. Die Tatsache, dass das Wort „Zigeuner“ auch heute noch kursiere, zeige, dass die Vorurteile noch nicht verschwunden sind. Runte verwies auf eine Mitteilung der Bundesregierung aus dem Jahr 2019, wonach die große Mehrheit der Deutschen „Zigeuner“ nach wie vor ablehne.

Die Ausstellung soll einen Beitrag dazu leisten, über die Herkunft der Vorurteile, die traurige Geschichte der Sinti und Roma in der NS-Zeit und über den langen Weg bis zur Anerkennung aufzuklären. Das Angebot richtet sich nicht zuletzt an Schulklassen. Ein Museum sei nicht nur für den Blick zurück da, sondern könne wichtige Themen anstoßen und auf aktuelle Diskussionen eingehen, sagte der Leiter des Kulturamtes, Maximilian Zindel. In der Ausstellung würden die Sicht der Opfer und der Täter, die zwei Seiten einer Medaille, geschildert: „Es geht um Unterdrückung und Selbstbehauptung. Über allem steht der Gedanke, dass angeblich einige Menschen mehr wert sind als andere. “

Es wartet viel Lesearbeit auf die Besucher

Die Ausstellung „Rassendiagnose Zigeuner“ ist keine, durch die man mal so eben durchschlendern kann. Viel Lesearbeit wartet auf die Besucher. Aufgelockert werden die Informationstafeln durch 13 Berichte, die teilweise von Zeitzeugen der Verfolgung stammen. Wer sich ins WLAN des Stadtmuseums einwählt, kann sie sich mit Hilfe von QR-Codes anhören.

Zur Schau gehört ein Begleitprogramm mit einem Aktionstag am 26. November. Wie Diskriminierung erkannt werden kann, erläutert dann die ADA-Servicestelle Antidiskriminierungsarbeit. Um 19 Uhr wird Sinti-Jazz zu hören sein, gespielt vom  Romeo Franz  Ensemble featuring Joe Bawelino.

Giano Weiß gab den Anstoß

Die Ausstellung selbst wird am Sonntag, 9. Oktober, um 11.30 Uhr nicht im Stadtmuseum, sondern im Rathaus eröffnet.  Die Bevölkerung ist willkommen und kann sich anschließend die Ausstellung kostenlos anschauen. Wilhelm Grabe wird im Ratssaal über die Geschichte der Paderborner Sinti und Roma berichten, und es wird auch Giano Weiß sprechen. Er gehört dieser Bevölkerungsgruppe an, wuchs in Paderborn auf und gab vor Jahren der Politik und Verwaltung den Anstoß, sich näher mit den Sinti und Roma vor Ort zu befassen.  

Bis es nach dem Zweiten Weltkrieg so weit war, dauerte es lange. Die Gesellschaft kehrte das Thema unter den Teppich, die Täter blieben straffrei. Ihre Komplizen im Justizapparat deuteten  die Verfolgung in der NS-Zeit als „Kriminalprävention“ um. Nach der Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Februar 1982 und der Eröffnung des Dokumentations- und Kulturzentrums in Heidelberg im März 1997 rückte die Historie einer verkannten Minderheit stärker in die Öffentlichkeit.

Startseite
ANZEIGE