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Salah Naoura schildert in Paderborn, wie seine Kinderbücher entstehen

Ratte unter der Dichtermütze

Paderborn

Ratten haben normalerweise keinen guten Ruf. Salah Naoura dagegen schätzt seine "Feinschmeckerratte unter der Dichtermütze" sehr. Beim Schreiben von Kinderbüchern fühlt er sich an die Ratte Rémy aus dem Animationsfilm "Ratatouille" erinnert, die mit ihren Hinweisen aus einem laienhaften einen exzellenten Koch macht.

Von Dietmar Kemper

Professorin Iris Kruse freute sich,  Salah Naoura endlich an der Uni Paderborn begrüßen zu können. Foto: Oliver Schwabe

Was ihm seine persönliche Ratte schräg von hinten ins Ohr flüstert, schilderte Salah Naoura am Montag angehenden Lehrerinnen und Lehrern zum Auftakt der "Paderborner Kinderliteraturtage" in der Universität Paderborn.

Der Autor wurde nicht zuletzt durch den Kinderroman "Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums" bekannt, ein Buch, das sogar verfilmt wurde. Allerdings mit einem Ergebnis, das Naoura nicht gefällt. Die Lehrerin sei viel zu holzschnittartig dargestellt worden, kritisierte der Autor in Paderborn, der auf differenzierte Hauptfiguren Wert legt.

Humor, Übertreibung und ein Happy-End

"Schreiben ist wie Kochen, man mischt alles zusammen und dabei entsteht hoffentlich etwas Neues", findet der 57-Jährige, der als seine Zutaten Humor, Übertreibung und Orte "am Rande des Wahrscheinlichen" auflistete. Seine Bücher handeln von der Abhängigkeit der Kinder von den Erwachsenen, von "kindlichen Geistern, die sich trauen zu träumen". Sie richten sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene und sie haben ein Happy-End.

Dagegen war Naouras Kindheit im hessischen Eschborn hart. Als Sohn eines Syrers aus Aleppo wurde er als "Kameltreiber" oder "Kanake" beleidigt. Dabei seien sie so deutsch wie die anderen gewesen, berichtete Naoura: "Vater schwänzte Ramadan und aß Schweinefleisch, und trotzdem war ich immer das Ausländerkind." Kein Wunder, dass Migration und die "Projektion des Fremden" eine Rolle in seinen Büchern spielen, genauso wie unglückliche Familien. Sein Vater trennte sich früh von seiner deutschen Frau, der Sohn bekam seine Mutter auch deshalb nicht mehr zu sehen, weil der Vater sie von allen Fotos entfernte. Seitdem faszinieren Naoura Geschichten über adoptierte oder vertauschte Kinder.

Mit dem Argument "Wir brauchen in Deutschland ja auch Handwerker und Fabrikarbeiter" versuchte seine hessische Grundschullehrerin, ihn auf einen bestimmten Weg zu bringen, aber Naoura wurde Autor von Kinderbüchern und Übersetzer. In seiner Familie habe es Angst und Gewalt gegeben, und die Sprachlosigkeit der Eltern habe zu seiner "Sprachbegeisterung und Geschichtensucht" beigetragen, erzählte er. Neben Büchern  habe ihn der Ansporn von wohlwollenden Menschen, nicht zuletzt von Lehrern, gerettet.

Appell an die angehenden Lehrer

An die angehenden Lehrerinnen und Lehrer im Hörsaal der Universität Paderborn appellierte Naoura, die Begeisterung der Kinder für Bücher zu wecken, sie zum Lesen zu erziehen und ihre Sprachkompetenz zu fördern. Wer viel lese, werde empathisch, könne sich ausdrücken, werde kritikfähig und sei in der Lage, den Wahrheitsgehalt von Geschichten richtig einzuschätzen. Und er entwickle Vorstellungskraft, etwas, das unter der Dauerbeschäftigung mit dem Handy und durch vorgesetzte Bilder leide. Damit in den Köpfen der  Zuhörer eigene Bilder entstehen, verzichte er in seinen Lesungen auf visuelle Hilfsmittel, betonte Naoura.

Die Paderborner Kinderliteraturtage finden noch bis zum 29. Juni statt. Organisiert werden sie vom Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft. Studierende können renommierte Autoren kennenlernen und sich mit ihnen austauschen. Iris Kruse, Professorin für Germanistische Literaturdidaktik, freute sich am Montag sehr, dass Naoura endlich an der Universität Paderborn auftreten kann. Bereits 2018 habe man bei ihm angefragt, später habe dann Corona einen Besuch verhindert.

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