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Paderborner geben Tipps, wie der Berufsstand attraktiver gemacht werden kann

Rezepte gegen Pflegenotstand

Paderborn (WB). Bundesweit fehlen 40.000 Pflegekräfte. Tendenz steigend. Im Kreis Paderborn sind nach Angaben der Agentur für Arbeit in Paderborn in der Pflege etwa 70 bis 80 offene Stellen unbesetzt. Wie es gelingen kann, diese zu besetzen und dem drohenden Pflegenotstand zu begegnen, darum ging es jetzt beim »Brennpunkt Pflege«.

Brennpunkt Pflege in Paderborn. Roland Weigel (Zehnter von links), neben ihm Dr. Annette Nauerth und Andreas Heiber gaben Unternehmen der Gesundheits- und Pflegebranche wertvolle Impulse mit auf den Weg. Dr. Angela Siebert (Sechste von links) vom Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL, Edith Rehmann-Decker (hintere Reihe, Dritte von links), Leiterin der Servicestelle Wirtschaft der Kreisverwaltung Paderborn und Margot Becker (Zweite von links) vom Paderborner Kreissozialamt hatten den Brennpunkt vorbereitet. Foto:

Mit Geld allein sei es nicht getan. Auch die Rahmenbedingungen müssten stimmen, damit die überwiegend weiblichen und in Teilzeit Beschäftigten Beruf und Familie miteinander vereinbaren könnten. Gefordert wurde auch ein neues Selbstbewusstsein, gerade in der ambulanten Pflege, wo Beschäftige vor Ort eine hohe Verantwortung wahrnehmen und allein entscheiden, ohne Team und Ärzte an der Seite, wie das in Krankenhäusern der Fall ist.

Neue Kampagne

Vermittelt werden müsse zudem ein positives Bild: Das Berufsfeld Pflege sei attraktiv, vielseitig und zukunftssicher. Am besten vermitteln könnten das die Mitarbeiter selbst: Hier setzt die Kampagne »Wir können Pflege« an, in der keine Agenturbilder sondern echte Gesichter gezeigt werden: Mitarbeiter wirkten darin mit als Markenbotschafter und berichten authentisch von ihrem Alltag.

Nach der Eröffnung durch Dr. Angela Siebert vom Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL und Edith Rehmann-Decker, Leiterin der Servicestelle Wirtschaft der Paderborner Kreisverwaltung, starteten Vorträge, die den anwesenden Unternehmen der Gesundheits- und Pflegebranche neue Impulse mit auf den Weg gaben.

Nicht alle Beschäftigte in der Pflegebranche hätten Kinder, aber Eltern und Angehörige. Auch sie müssten beides meistern, den beruflichen und familiären Alltag. Weg von dem Früh-, Spätschicht- Modell hin zu flexiblen Arbeitszeitmodellen und »dabei einfach mal um die Ecke denken«, lautete der Rat von Andreas Heiber von der Unternehmensberatung System & Praxis in Bielefeld.

Frühstücksgruppen für Beschäftigte mit Bringdienst zu Kindergärten und Schulen, wenn Arbeitsbeginn und Öffnungszeiten nicht übereinstimmen, eine Tagesmutter für den Pflegedienst, Kooperation der Anbieter untereinander bei personellen Engpässen bis hin zu gemeinsamer Rufbereitschaft könnten wirksam entlasten.

Attraktive Arbeitszeiten

»Schauen Sie sich Ihr Team an«, empfahl Prof. Dr. Annette Nauerth von der Fachhochschule Bielefeld, um passende Arbeitszeitmodelle zu finden. In ihren Studien beobachteten sie immer wieder, dass ältere Pflegekräfte ihr Privatleben oft um den Beruf herum organisierten, sich abseits vom Job zurückziehen würden, um Enkel und pflegebedürftige Angehörige zu betreuen. Sie seien teilweise so erschöpft, dass zunehmend private Verpflichtungen abgesagt würden.

Deshalb legten sie nicht so viel Wert auf freie Wochenenden sondern eher auf kürzere Schichten, um den Belastungen gewachsen zu sein. Arbeitszeitmodelle, die darauf reagierten, könnten gerade älteren Beschäftigten zu mehr Lebensqualität verhelfen und sie in dem Beruf halten. Jüngere hingegen hätten differenzierte Bedürfnisse, forderten planbare Schichten, pflegten zeitaufwendige Hobbys und legten Wert auf Urlaube, die sie nicht ein Jahr im Voraus planen möchten.

Nauerth stellte eine Software, das Filip-Tool vor, welches helfe, das alles intelligent in Form einer Personaleinsatzplanung zusammenzubringen. Dazu würden die Bedürfnisse der Pflegekräfte zuvor mittels Interviews und einer Fragebogenerhebung erfasst und zusammen mit dem Pflegeaufwand der Patienten ins System eingespeist.

Selbstbewusstsein schafft Image: Roland Weigel von der Konkret Consult Ruhr GmbH, riet erst einmal dazu, »weniger zu stöhnen«, denn sonst werde man irgendwann nicht mehr ernst genommen. Die eigentliche Herausforderung stehe noch bevor, nämlich dann, wenn die so genannte Babyboomer-Generation in Rente gehe und die Pflege vor ganz andere Herausforderungen stelle.

Positives Image polieren

»Pflege ist keine Rennstrecke sondern Langstreckenlauf«, sagte Weigel. Deshalb müssten »alle Kanäle bespielt werden«, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Weigel stellte die Kampagne »Wir können Pflege!« und Beispiele gelungener Arbeitgeberinitiativen vor. Ziel sei es gewesen, die »echten« Gesichter der Pflege zu zeigen und in Form von Videos und großflächigen Plakataktionen sowie über Social-Media-Kanäle zu informieren und für den Beruf zu werben.

Sätze wie »Das was Du machst, könnte ich nicht« zeigten, dass die wenigsten wüssten, was genau eigentlich Pflege heißt und wie attraktiv und vielseitig die Arbeit sei und was man da tatsächlich verdienen könne. Dazu wurden Auszubildende und Pflegekräfte interviewt, die aus ihrem Alltag berichten, von Menschen mit interessanten Biographien erzählen, die sie in ihrer Arbeit kennenlernen und dabei wie Jana entdecken: »Das ist genau mein Ding«. Die Vorträge können auf den Internetseiten des Kreises eingesehen werden.

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