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Liedermacher-Duo Simon und Jan begeistert im Kulturgarten am Schloss

Sanfte Töne und harte Worte

Paderborn (WB). Mit dem Konzert der beiden Liedermacher Simon und Jan gelang es dem Team des „Paderborner Kultursommers“, ein stimmungsvolles Erlebnis für das musik- und kabarettliebende Publikum im Schlossgarten zu schaffen. Mit Gitarren und Rhythmusinstrumenten auf der Bühne, ausreichend Abstand zwischen den Sitzreihen und im sommerlichen Ambiente wurde es ein außergewöhnlicher Abend für die nahezu 200 Zuschauer, die sich noch eine der begehrten Karten sichern konnten.

Nicole von Prondzinski

Simon Eickhoff (links) und Jan Traphan aus Oldenburg halten von Urlaub in Deutschland nicht besonders viel: „Urlaub in Bonn? Da hat keiner was von.“ Foto: Nicole von Prondzinski

Neues Programm „Alles wird gut“

Die beiden preisgekrönten Musiker haben seit März, im Gegensatz zu zahlreichen Kollegen, weder Internet- noch Autokinokonzerte gegeben, und so ist es erst das vierte Mal, dass sie seit dem Lockdown wieder vor Publikum stehen. Mit ihrem neuen Programm „Alles wird gut“ versprechen sie ihren Zuhörern die Rettung der Menschheit vor ihren eigenen Problemen. Sie bringen viel Ironie für sich und andere mit und werfen so ihren Blick auf die Welt mit außergewöhnlich direkter Sprache. Ihre Musik ist stets detailverliebt komponiert und authentisch gespielt, ist mal rockig, mal melancholisch, regt das Publikum zum Mitsingen und Schunkeln an, vor allem aber zum Nachdenken.

Wer Simon und Jan von vorherigen Konzerten kennt, wird festgestellt haben, dass ihr Programm politischer geworden ist. Zwar besingen sie in einigen Liedern immer noch ohne Blatt vor dem Mund Dinge wie das „zweite Poloch“, womit sie beim Publikum viele Lacher ernten. Doch bei zahlreichen anderen Liedern, in denen sie mit scharfem Blick auf aktuelle politische Streitthemen aufmerksam machen, bleibt den Zuhörern das Lachen dann doch im Halse stecken.

Ihre Texte handeln davon, wie sie vom Sex mit Sahra Wagenknecht oder mit Gregor Gysi träumen und wie Angela Merkel mit „zittrigen Händen ihre letzten Figuren auf dem Schachbrett platziert“. Gut gelaunt animieren sie das Publikum zum Singen eines Kanons: Melodie und Rhythmus sind dem französischen „Le coq est mort“ („Der Hahn ist tot“) entnommen, und so erinnert das Ganze an unbeschwerte Kindheitstage. Doch der Text übt reichlich Kritik an der politischen Situation: „Der Horst muss weg, er kann nur noch krähen.“ Grund dafür sei nicht zuletzt Horst Seehofers Satz „Migration ist die Mutter aller Probleme“ gewesen, so Jan, der durch das Programm führte. Nach der Lektüre des AfD-Programmheftes, welches auch stark alkoholisiert noch verständlich sei, haben sie dem Motto „Haben wir schon gehabt, hat sich nicht bewährt“ gleich ein ganzes Lied gewidmet.

Gesellschaftskritische Aussagen

Sitzen sie auch nur zu zweit auf der Bühne, bringen sie doch ein erweitertes Instrumentarium mit: Neben dem mehrstimmigen Gesang und den zwei Akustik-Gitarren, die im Vordergrund stehen, sind da noch Bass, Percussions und eine Loop Station, mit der Simon die Musik bühnenfähig macht. In einem Song des Liedermacher-Duos heißt es „Ich bin massenkompatibel“, und dank des handwerklichen Könnens und ihres Repertoires sind sie auf musikalischer Ebene sicherlich „massenkompatibel“. Hört man bei den lieblichen Melodien jedoch genau hin, wird man von den harmonisch perfekt aufeinander abgestimmten Stimmen unsanft wachgerüttelt und mit politischen Missständen und gesellschaftskritischen Aussagen konfrontiert.

Der Zynismus in den oftmals bitterbösen Texten ist unüberhörbar und wohl nur bedingt „massenkompatibel“. Simon und Jan positionieren sich mit ihren politischen Aussagen eindeutig links und schließen damit einen Teil möglicher Fans automatisch aus. In Paderborn kommt das Konzept der sanften Töne mit harten Texten gut an. Das Publikum lacht mit den Musikern, wenn sie albern sind, es wird nachdenklich ruhig, wenn sie zynisch werden und beschenkt sie am Ende mit reichlich Applaus.

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