Ausstellung informiert über die Vielfalt des Judentums – Schulen können sie sich ausleihen

Schicksale machen Unterricht lebendig

Paderborn

„Die“ Juden gab und gibt es nicht. Es waren und sind immer Individuen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, Zielen, Berufen und Schicksalen. Dem trägt die Ausstellung „Jüdische Nachbarn“ Rechnung, die das Leben einer Silberschmiedin, eines Fußballers und eines Lehrers erzählt.

Dietmar Kemper

Was wurde aus den Juden an den Ausstellungstafeln? Der Q1-Geschichtsgrundkurs hat dieses anhand von Biografiekarten herausgefunden. Foto: Oliver Schwabe

Für weiterführende Schulen ist die Ausstellung ideal geeignet, „weil die Schüler über die Fotos sofort einen Bezug zu den Personen aufbauen“, wie Eva Lettermann betont.

Sie ist Geschichtslehrerin am Pelizaeus-Gymnasium in Paderborn und die Moderatorin der Bezirksregierung Detmold für das landesweite Projekt „Erziehung nach Auschwitz“. Die Ausstellung, die ein Bestandteil des Projekts ist, hat Eva Lettermann mitgestaltet. Seit dem 1. März war sie in der Aula des Pelizaeus-Gymnasiums aufgebaut, Eva Lettermann zog jetzt ein positives Fazit und legt die Ausstellung auch anderen Schulen in Paderborn ans Herz. Die Schülerinnen und Schüler könnten die Vielfalt und den Facettenreichtum des jüdischen Lebens auf dem Land und in der Stadt kennenlernen und unter anderem erfahren, dass der Antisemitismus nicht nur zwischen 1933 und 1945 grassierte, sondern schon vorher im Kaiserreich in Erscheinung trat.

„Das war unser Beitrag schulintern zur historisch-politischen Bildung angesichts von 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland“, betont der Leiter des Pelizaeus-Gymnasiums, Peter Lütke Westhues. „Bei Juden ist gar nicht viel anders“, nennt er eine weitere Lehre, die die Besucher der Ausstellung mit nach Hause nehmen.

Mit ihrem Q1-Grundkurs Geschichte nutzte auch Lehrerin Dorothea Hertel die Gelegenheit zu einem Unterricht mit biografischem Ansatz. „Über Einzelpersonen kann Geschichte lebendig und interessant werden“, ist sie überzeugt. Statt die große unpersönliche Zeitgeschichte zu erzählen, stünden konkrete Schicksale im Mittelpunkt.

So wie das von Ellen Tarlow, mit der sich zum Beispiel die Schülerinnen Vivien Engelbrecht und Hanna Derksen näher beschäftigten. Ellen Tarlow war eine jüdische Schülerin in Gütersloh, die den Nazis als rassisch minderwertig galt. Ellen Tarlow überlebte den Völkermord – im Gegensatz zu Moritz Rülf, der an der jüdischen Schule in Detmold unterrichtet hatte. Im Pelizae­us-Gymnasium interessierten sich vor allem die Schülerinnen für die Silberschmiedin Emmy Roth aus Hattingen, der nicht die Nazis das Leben nahmen, sondern sie selbst beging Suizid, als sie in Israel erfuhr, dass sie unheilbar an Krebs litt.

Die Ausstellung besteht aus 14 Roll-ups mit Bildern der ausgewählten Jüdinnen und Juden und aus Biografiekarten, zehn zum städtischen und neun zum ländlichen Judentum. Die ausgesuchten Personen decken das heutige Nordrhein-Westfalen ab. Über QR-Codes erhalten die Schülerinnen und Schüler Zugriff auf weitere Archivalien mit nützlichen Einblicken. Eva Lettermann findet es wichtig, dass in der Ausstellung „Juden nicht auf den Opferstatus reduziert werden“. Ihr Leben werde vor, während und nach der Shoah erzählt. Die Lebensspannen der vorgestellten Jüdinnen und Juden reichen von 1877 bis 2016, als Ellen Tarlow starb.

Geeignet ist die Ausstellung für die weiterführenden Schulen ab Klasse 9. Projektpartner ist das Landesarchiv NRW in Detmold. Dort an der Willi-Hofmann-Straße wird das Material auch gelagert. Schulen im Regierungsbezirk Detmold, die die Ausstellung bei sich zeigen möchten, können sich an Eva Lettermann wenden (eva.lettermann@web.de). Die Gesamtschule Salzkotten habe bereits Interesse bekundet, erzählt sie. Die Ausstellung ist auch online verfüg- und nutzbar, nicht unwichtig in Zeiten von Corona, in denen Schulen schließen mussten. Das Schulleben ging trotzdem weiter, und so ist Peter Lütke Westhues froh, wenn er mal über eine aufschlussreiche Ausstellung berichten kann: „Wir wollen uns nicht nur mit Hygienekonzepten beschäftigen.“

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