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Die Mitglieder halten dem Chor in Paderborn die Treue

Shantys sehnen Normalität herbei

Paderborn

Sehnsucht spielt in Seemannsliedern eine tragende Rolle. Sehnsucht nach Normalität verspürt der Magellan Shanty Chor. Liebend gern würde er wieder auftreten – in Seniorenheimen genauso wie in großen Hallen.

Dietmar Kemper

Foto:

Bis zu 18 Konzerte seien wegen der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr ausgefallen, erzählt der Vorsitzende Karl-Heinz Wiechers. „Wir waren zur Sail in Bremerhaven eingeladen und sollten auf der NDR-Bühne singen“, erinnert er sich an einen Auftritt, auf den sich der Chor letztlich vergebens freute. Jetzt richtet sich die Hoffnung auf das für den 30. April geplante Konzert in Delbrück. Aber ob es stattfinden kann, steht in den Sternen.

Hinzu kommt: Die letzte Probe des Männerchores war Ende Oktober, und ein großes Konzert will vorbereitet sein. „Wir sind es dem Publikum schuldig, Qualität abzuliefern“, betont Karl-Heinz Wiechers: „Und dazu brauchen wir in der Regel sieben Proben und ein Chorwochenende.“

Die Corona-Pandemie hat so manchen Chor in Bedrängnis gebracht, einige haben schon aufgegeben. Mitglieder verlassen die Chöre, weil sie nicht singen dürfen und Mitgliedsbeiträge nicht für die Katz zahlen wollen. Beim Magellan Shanty Chor mit seinen 60 Mitgliedern gebe es keine Abwanderung, stellt der Vorsitzende erleichtert fest. „Die Mitglieder hören immer was von uns“, betont Dieter Nolden, der für die Öffentlichkeitsarbeit und Werbung zuständig ist. So werde zum Beispiel der Internetauftritt regelmäßig überarbeitet.

Zudem präsentierte sich der Chor mit einem neuen Video, Rundbriefe informieren darüber, was aktuell geplant und möglich ist, und Chorleiter Heiko Isermann organisiert Videokonferenzen, in denen Mitglieder, die Geburtstag hatten, mit einem Ständchen geehrt werden. Zudem beteiligte sich der Chor mit Konzertausschnitten an einem eigens auf diese Musik zugeschnittenen Facebook-Online-Adventskalender.

Auch das Geld ist der Sängergemeinschaft noch nicht ausgegangen. „Wir schieben immer ein Polster vor uns her“, erzählt Karl-Heinz Wiechers. Rücklagen brauche der Chor, weil er bei Konzerten in großen Hallen finanziell ins Risiko gehe. Die Paderhalle zu buchen, koste 5500 Euro, und bei einem Eintrittspreis von zehn Euro müsse der Chor entsprechend viele Karten verkaufen. Gut möglich, dass die Hallenmiete nach dem Ende der Pandemie sinken wird, denn nach der langen Durststrecke sind die Betreiber umso mehr darauf angewiesen, ihren Veranstaltungskalender zu füllen.

Der Magellan Shanty Chor dürfte auch in Zukunft keine Probleme haben, ausreichend Karten zu verkaufen. Er hat längst Renommee erworben und muss nicht mehr, wie in der Vergangenheit, „jede Gartenfete bespaßen“, wie es Karl-Heinz Wiechers ausdrückt. Eine überzeugende Gesangsleistung, eine aufwendige Dekoration und Beleuchtung mit auf die Lieder abgestimmten Bühnenbildern sind die Qualitätsmerkmale der Seeleute im Paderborner Binnenland. „Nach unseren Weihnachtskonzerten weinen viele Leute, man kann in der Paderhalle eine Stecknadel fallen hören und unsere Sänger sind stolz, dass sie das geschafft haben“, erzählt der Vorsitzende nicht ohne Stolz. Und Dieter Nolden ergänzt: „Die Atmosphäre hat uns über Jahre hinweg nach vorne getragen.“

Neben guten Stimmen brauchen die Chormitglieder für ihre bis zu dreistündigen Konzerte Kondition und buchstäblich Stehvermögen. Bei einem Altersdurchschnitt von 65 ist das nicht selbstverständlich, und deshalb würde sich der Magellan Shanty Chor über Nachwuchs sehr freuen. „Wir fangen gerne Mitglieder von anderen Chören auf“, sagt Karl-Heinz Wiechers. Früher seien Zuhörer nach den Konzerten zu ihm gekommen und hätten gefragt, ob sie mal mitmachen könnten. Wiechers: „Komm‘ zur Probe, habe ich dann gesagt, aber das geht jetzt nicht.“

Getreu dem Ursprung der Shantymusik, als Männer auf den Segelschiffen bei ihrer harten Arbeit zu singen begannen, will der Paderborner Vertreter weiterhin ein Männerchor bleiben. Man habe nichts gegen Frauen, betont der Vorstand. Unter den Instrumentalisten befindet sich mit der Akkordeonspielerin Monika Rehermann ohnehin eine Frau, und bei Konzerten treten zusätzlich die Flötistin Heriburg Brauer und die Sängerin Diana Wiechers auf. Karl-Heinz Wiechers kündigt an: „Wir werden Weihnachten vermutlich zum ersten Mal eine Cellistin dazunehmen. Maritime Weihnachtslieder bedeuten viel Gänsehaut, und dazu passen solche Instrumente.“

Chorleiter Heiko Isermann vermisst das Live-Feeling. Online-Konzerten steht er skeptisch gegenüber: „Prinzipiell ist das eine feine Sache, um Präsenz zu zeigen, aber man bekommt keine Rückmeldung vom Publikum. Ich würde mir solche Konzerte nicht anschauen.“

Der Musiktherapeut in der LWL-Klinik in Paderborn, der mit „Sing ‘n‘ swing“ und „Anis oder Mandel“ zwei weitere Chöre leitet, hofft, dass die gesanglichen Fähigkeiten der 40 Shantychor-Sänger unter der erzwungenen Untätigkeit nicht zu sehr leiden. Die Atemmuskulatur müsse trainiert werden, damit die Stimme funktioniere, betont er.

Gern würde der Magellan Shanty Chor vor Weihnachten nicht nur in der Paderhalle, sondern auch in Beverungen und Rietberg Station machen, aber weil die Veranstalter so viele ausgefallene Konzerte nach hinten schieben mussten, geht das nicht. Da sind sie wieder, der Corona-Fluch und die Sehnsucht nach Normalität.

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